Tansania: „Der Garten der Solidarität“

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Geht ein Vorarlberger nach Afrika ….,

trifft dort seine große Liebe, eine Tansanierin, und gründet mit ihr Tansanias erste Ausbildungsfarm für biologisch nachhaltige Landwirtschaft. Aber alles der Reihe nach. Alexander Wostry, gebürtiger Vorarlberger, reiste 2007 im Zuge eines Praktikums in den östlichen Teil Afrikas. „Mit einem Kompost fing alles an“, erinnert er sich, als ob es gestern gewesen wäre. Seitdem hat es Ihm die nachhaltige Landwirtschaft angetan und 2008 entspross daraus das Projekt ByT („Bustani Ya Tushikamane“ = „Garten der Solidarität“). Damit wird die biologische Landwirtschaft den Bauern und Bäuerinnen nahe der tansanischen Stadt Morogoro nähergebracht und ein Gegenkonzept zur Verwendung von Pestiziden und künstlichem Dünger aufgezeigt.

Gelebte organische Landwirtschaft

Tansania-terrassenDurch sichtbare Erfolge motiviert, wuchs auch der Ehrgeiz und die Begeisterung das Projekt weiter auszubauen. So entstand die Organisation SAT (Sustainable Agriculture Tanzania, Nachhaltige Landwirtschaft Tansania), die Alexander Wostry zusammen mit seiner Frau Janet Maro im Jahr 2011 ins Leben gerufen hat. Die Grundpfeiler auf der die nicht-staatliche Organisation steht, sind: Ausbildung, Anwendung und Forschung, zusammengehalten durch ein soziales Netzwerk. Konkret bedeutet dies, dass die daran interessierte ländliche Bevölkerung darüber informiert und unterrichtet wird, wie z. B. Terrassen erstellt werden, um Regenwasser auf einer Fläche zu halten und damit Erosion zu vermeiden, wie man Kompost gewinnt und seine eigenen biologischen Spritzmittel herstellt, wie das Bodenleben gefördert wird und wie die Biodiversität erhalten bleibt. Denn in Tansania hat die Dünger,- und Spritzmittelindustrie einen sehr großen Einfluss auf die landwirtschaftlichen Praktiken des Landes, was bedeutet, dass auch viele Kleinbauernbestriebe, welche von ihren Eigenerzeugnissen abhängig sind, auf künstliche Dünger zurückgreifen, um einen vermeintlich „sicheren“ Ertrag zu erwirtschaften. Dass davon die Böden unfruchtbar gemacht werden und dass dabei das Bodenleben abstirbt, wird natürlich verschwiegen. Man kann deshalb durchaus behaupten, dass durch die konventionelle Landwirtschaft auf lange Sicht hin keine Ernährungs-Sicherheit gewährleistet wird, im Gegenteil, sogar zu einer -Unsicherheit führt.

Versus Brandrodung, Landgrabbing

In Tansania hat es in den letzten Jahren ein starkes Bevölkerungswachstum gegeben. Vor 60 Jahre hatte ein Bauer noch durchschnittlich vier Hektar Land zur Verfügung. Der derzeitige Durchschnitt beträgt aber nur noch 1,2 Hektar. Anbaumethoden, die damals noch eine gute Ernte eingebracht haben, sind auf solch kleinen Feldern nicht mehr ertragreich, wie zum Beispiel die Brandrodung, welche verwendet wird um die Anbaufläche zu säubern und um mit der Asche zu düngen. Diese wird von vielen Menschen in Tansania immer noch praktiziert. Das hat schlimme Folgen, denn einerseits wird der Klimawandel forciert durch das freigesetzte CO² und andererseits kann der Boden nicht mehr lange genug brachliegen, um sich zu erholen und ist hinzu stark von Erosion gefährdet. Ist der Boden ausgelaugt setzten viele Bauern auf künstliche Düngemittel, was zu einer weiteren Abwärtsspirale führt, da schon nach kurzer Zeit solche Mengen benötigt werden, dass der Gewinn (Ertrag minus Inputmittel) auf der Strecke bleibt. Die Folge ist dann, dass in vielen Fällen nur noch die Migration in die Stadt als letzter Ausweg bleibt. Hier lebt dann der davor „freie Bauer“ in prekären Zuständen: Jobs ohne Würde und erbärmliche Behausung.

Nichtsdestotrotz wird von der tansanischen Regierung, unterstützt von der staatlichen Gebergemeinschaft der westlichen Länder, die industrielle Landwirtschaft propagiert. Hierbei wird auf Großinvestoren gesetzt mit der Annahme, dass von dem gewinnbringenden Business etwas für die lokale Bevölkerung abfällt. Die Realität schaut hierbei aber anders aus. Oft führen solche Unternehmen zum „Landgrabbing“ bei der die Bauern gezwungen werden ihr Land zu verkaufen (meist zu lächerlichen Preisen) oder aber Verträge mit den Investoren abschließen müssen, um zu deren Konditionen zu arbeiten, was dann Monokultur heißt und massivem Einsatz von Agrochemie. Die großen Agrarkonzerne reiben sich dabei die Hände. Diese haben auch gerade vor kurzem erfolgreich eine Saatgutverordnung (Tausch und Handelsverbot von nicht zertifiziertem Saatgut) durchgeboxt, die in Österreich zum Glück verhindert werden konnte. Dabei sind die Folgen in Tansania noch viel schlimmer, da hier nicht nur die Biodiversität gefährdet ist. In diesem Land wird gut über 70 Prozent des Saatgutes von den Bauern selbst berejtgestellt, was bedeutet, dass dieses nun in Zukunft gekauft werden muss. Die Konzerne reiben sich schon wieder die Hände.

365 Tage Wachstum

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Weil die Nachfrage nach Ausbildung und Forschung im biologischem Landbau stetig anwuchs, wurde im September 2013 ein großer Traum verwirklicht, die Eröffnung der ersten Ausbildungs,- und Lehrbeispielschule für organische Landwirtschaft in Tansania. Sie befindet sich ca. 20 km außerhalb der Stadt Morogoro, auf dem die KursteilnehmerInnen, die vorwiegend aus kleinbäuerlichen Betrieben kommen, untergebracht und unterrichtet werden. In den meist einwöchigen Kursen werden ihnen die wichtigsten Grundlagen des biologischen Anbaus in Theorie und Praxis beigebracht. Mittlerweile werden zehn verschiedene Kurse angeboten, von den Grundlagen des Bioanbaus über natürliche lokale Medizin, Lebensmittelverarbeitung bis hin zu einem zweiwöchigen Kurs über Permakultur. „Wir können den Menschen hier Wege aufzeigen, wie Sie Ihr eigenes und das Leben Ihrer Familie sichern und ein eigenes Einkommen kreieren können.“ Tansania bietet dafür die richtigen Umstände. Durch das tropische Klima gibt es keine Vegetationsruhe, was 365 Tage Vegetationszeit bedeutet, also ein sprichwörtliches Paradies für einen Gärtner. Es gibt hier zudem eine Vielzahl an Bäumen und Gewächsen, die sich gegenseitig begünstigen und den Nährstoffgehalt im Boden von alleine erhöhen. Es gibt z.B. eine Pflanze die Malaria heilen kann, oder einen Baum namens „Moringa“, welcher soviele Nährstoffe in seinen Blättern vereint, wie es kein Gemüse, Obst oder Milchprodukt stellen kann. Bisher wurden 35 Farmergruppen in nachhaltiger, biologischer Landwirtschaft ausgebildet und werden bis heute betreut. Eine Gruppe wurde bereits zertifiziert und produziert mittlerweile unter dem „partizipatorischen Garantie System“ ausschließlich Bioware. Dieselbe Gruppe fing sogar in Eigeninitiative an, andere Bauern auszubilden und sie für eine Umstellung auf biologische Landwirtschaft zu gewinnen. Das Projekt wurde im wahrsten Sinne des Wortes auf gutem Nährboden gepflanzt und die „Früchte“ lassen sich auch ganz gut in Zahlen ausdrücken; 965 ausgebildete Bauern und Bäuerinnen in deren Dörfern, dazu 750 Farmer, welche auf der organisationseigenen Lehr,- und Musterfarm unterrichtet wurden. Tatkräftig unterstützt wurde SAT dabei von mehreren Spenderorganisationen, wie der Austrian Developement Agency, Biovision und den Pfadfindern aus Österreich, welche durch Benefizaktionen den Bau der zwei Gästehäuser auf der Ausbildungsfarm ermöglicht haben.

Tansania-TrainingwebTansania-DiplomewebHeute ist die Arbeit der Organisation bis über die Kontinentsgrenzen hinaus bekannt. So wurde Alexander Wostrys Frau Janet als Direktorin von SAT zum „Runden Tisch“ für “Food and Nutrition Security through Sustainable Agriculture and Food Systems in the Post-2015 Agenda” zu den Vereinten Nationen nach New York eingeladen. Neue Projekte sind in Planung. Weitere Ziele sind unter anderem, Gewürzbauern unter dem „Fair Trade“-Label einen Export nach Europa zu ermöglichen oder auf dem lokalen Gemüsemarkt einen Bereich für Bioware zu verwirklichen. „Wir sind gerade in Gesprächen mit der Regierung und mit der in Morogoro ansässigen Universität für Landwirtschaft (SUA), um einen eigenen Studiengang für biologisch nachhaltige Landwirtschaft zu implementieren“, berichten Alexander und Janet. Man kann nur hoffen, dass der SAT-Baum, der vor ein paar Jahren auf Kompost gepflanzt wurde, weiter wachsen möge. Darüber wacht für allem Janet: „Meine Mission bei SAT und ByT sehe ich darin, dass Kleinbauernbetriebe befähigt werden ihren Ertrag mit umweltfreundlichen Anbaumethoden zu erhöhen und damit auch ihr Einkommen. Dies wird erreicht durch eine gute Ausbildung und eine Hilfestellung bei der Umstellung in eine nachhaltige Agrarwirtschaft. Wir sehen uns als Graswurzelbewegung, die auf dem Wissen der Bauernschaft aufbaut und dafür entsprechendes Feedback bekommt. Im Feld arbeite ich eng zusammen mit den Farmern und dem ByT-Team. Wir identifizieren und praktizieren einfache Techniken, die für eine gesunde Produktion von Feldfrüchten und eine Tierhaltung erschwinglich und leicht verfügbar sind. Arbeit in der Bio-Landwirtschaft ist ein lebenslanges Experiment. Immer wieder kommen neue Pflanzen und Methoden auf den Markt, das macht meine Tätigkeit aber erst so interessant. Als Direktorin von SAT bin ich verantwortlich für reibungslose Abläufe innerhalb der Organisation und ich bin meinen Kollegen, die sich unermüdlich um die Realisation unserer Ziele bemühen, sehr dankbar. Für mich ist eine biologische und nachhaltige Landwirtschaft der einzige Weg, um auf unserer Erde neun Milliarden Menschen das Überleben zu sichern. In den Tropen, so auch in Tansania, ist eine Landwirtschaft, die alle Kosten niedrig hält, die beste. Die anderen Systeme sind teuer und daher für die arme ländliche Bevölkerung nicht leistbar, vor allem aber haben sie negative Einflüsse auf die Umwelt und Gesundheit.“

… Landwirtschaft hört nicht am Feldrain auf …

Interview von Hans Bogenreiter (HB) mit Alexander Wostry (AW)

HB: Du hast die Organisation Sustainable Agriculture Tanzania (SAT) gegründet und mittlerweile bist du im Team neben Josef Gusel der einzige Weiße. Ist damit die Entwicklung zur Eigeninitiative schon abgeschlossen?

AW: Die Organisation SAT wurde von meiner Frau und mir zusammen gegründet. Janet war von Anfang an die Direktorin der Organisation. Das ist auch gut so, da sie ein breites Wissen über Landwirtschaft hat und als Expertin in Tansania und über die Grenzen hinaus als solche anerkannt ist. Sobald die Frage der Entwicklungshilfe im Raum steht, denkt man, Entwicklung ist ein linearer Prozess der Gesellschaft, welche Länder wie z.B. Österreich als Vorbild hat. In Anbetracht der Probleme, die die sogenannten “entwickelten Länder“ verursachen., glaube ich das aber nicht. . Wir verstehen uns eher als Bewegung, die mehr oder weniger als Vorbild fungiert. Diese Philosophie ist die Basis auf der ich auf horizontaler Ebene mit den Leuten zusammenarbeite. Keine Entwicklungshilfe, sondern das gemeinsame Lösen von Problemen um lebensfeindliche Umstände zu verbessern, was auf der ganzen Welt nötig wäre.

Tansaniafreude-webHB: Wie groß ist das Gebiet, indem ihr nachhaltige Landwirtschaft propagiert und wie viele Menschen erreicht ihr damit?

AW: Wir betreuen derzeit 35 lokale Bauerngruppen mit insgesamt 965 Menschen in einem Radius von etwa 80 km von Morogoro. Darüber hinaus wurden bislang 750 Farmer in unserem Ausbildungszentrum ausgebildet. Des weiteren schicken Organisationen sog. Modellbauern zu uns, welche anschließend ihr erlerntes Wissen wiederum an die Dorfgemeinschaft weiter geben oder „Extension officers“, die ähnlich vorgehen. Also könnte man gerne die Teilnehmerzahl mal 10 nehmen.

Tansania-reisanbau-webHB: Inwieweit gerät die Biolandschaft dort manchmal in Widerspruch zu traditionellen Anbaumethoden und wie versucht ihr die daraus entstehenden Konflikte zu lösen?

AW: Gar nicht. Konflikte entstehen kaum, da wir auf den Stärken der traditionellen Anbaumethoden aufbauen  Das ist die Philosophie unseres agriökologischen Verständnisses, die bei uns im Zentrum steht. Landwirtschaft, wie wir sie verstehen, hört nicht am Feldrand auf, sondern ist tief verwurzelt mit der Kultur und der Gesellschaft. Wenn etwas zum Widerspruch führt, dann die konventionelle Landwirtschaft, welche gerade das meiste Geld im Rahmen der Entwicklungshilfe erhalten. Meine Frau Janet ist deswegen schon in Europa unterwegs gewesen und hat darüber referiert. Was für negativen Einflüsse die Agrarriesen mit sich bringen, sieht man daran, dass sie das kulturelle, soziale Gefüge zerstören und den Boden gleich mit. Anm. zur Brandrodung: Sie war vor 100 Jahren eine nachhaltige Methode. Wegen der rasant ansteigenden Bevölkerung und dem Klimawandel passt diese aber nun überhaupt nicht mehr. Nichtsdestotrotz versuchen wir an vorhandenem lokalen Wissen anzuknüpfen; also die Agrar-Kultur nicht aus dem Auge zu verlieren.

HB: Haben eure Projekte auch Vorbildwirkung für andere Regionen in Tansania oder sogar darüber hinaus?

AW: Ja, wir sind im ganzen Land bekannt. Wir arbeiten mit Universitäten und der Regierung zusammen. Hinzu beraten wir andere Länder in dieser Richtung, wie z.B. Malawi, Zimbabwe und Äthiopien.

HB: Wie schaut die offensichtlich sehr enge Zusammenarbeit von ByT und SAT konkret aus?

AW: ByT war ein Projekt, welches sich zu einem Programm entwickelt hat und daraus ist letztendlich SAT erwachsen, um den immer größer werdenden Herausforderungen gerecht zu werden und das gesammelte Wissen zusammen mit den erworbenen Erfahrungen haltbar zu machen über das Projektende von ByT hinaus.

Tansania1-webHB: Inwieweit spielt bei euren landwirtschaftlichen Projekten die Permakultur eine Rolle?

AW: Permakultur ist eine interessante Philosophie und verhilft zu einer effizienten Nutzung von landwirtschaftlichem Raum. Da die Nutzungsflächen stark begrenzt sind für Kleinbauern in Tansania, verhilft die Permakultur maximalen, nachhaltigen Nutzen daraus zu ziehen und fließt daher in unsere Kurse mit ein. Wir bieten sogar einmal im Jahr einen zweiwöchigen Permakultur-Kurs in unserem Ausbildungszentrum an. Wir kollaborieren auch mit dem Permakultur-Forschungs-Institut in Kenia, wobei unsere Farm als Partnerdemonstrationsfläche dient.

HB: Abschließend zurück zur Genesis der Projekte: Welches Motiv stand hinter der Entscheidung nach Tansania auszuwandern?

AW: Definitiv war das Projekt mein größter Stein, den ich bis jetzt ins Rollen gebracht habe, der meiner Meinung nach positives auf dieser Welt bewirkt. Insofern liegt es mir am Herzen am „Stein“ zu bleiben; hier in Tansania.

HB: Wie hat sich der Bezug zu Vorarlberg/Österreich mittlerweile verändert und welche Rolle spielt Deine Heimat für deine Frau und deine zwei Kinder?

AW: Mittlerweile bekomme ich in der ersten Woche sogar Magenprobleme, wenn ich wieder nach Europa zurückkomme, so sehr habe ich mich schon an Tansania gewöhnt. Meine Tochter liebt Österreich, weil da an Weihnachten Schokolade an den Bäumen wächst, was bei unseren tansanischen Nachbarskindern für Verwunderung sorgt, wenn sie die Geschichte erzählt.

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Bildlegende (von oben nach unten): 1. Demonstrationsgarten von ByT in Morogoro, 2. Anlegen von Terrassen im Rahmen von „The New Farmers Field School“ in Towelo, 3./4. Research on Organic Farming in Tushi Centre, 5. Pfadfinder-Training in nachhaltiger Landwirtschaft, 6. Kursteilnehmer stolz ihre Zeugnisse, 7. Sichtliche Freude über die gute Ernte, 8. Beim Reisanbau, 9. Bei der Feldarbeit, 10./11.: Familie Wostry-Maro, Copyright Artikel von Josef Gusel und Fotos: ByT und SAT

Infos: Alexander Wostry, Finance Manager/ Project Coordinator, Sustainable Agriculture Tanzania (SAT), P.O.Box 6369, Morogoro, +255/(0)768 219 060, www.kilimo.org, www.nlo.at
Spenden: FÖRDERVEREIN Nachhaltige Landwirtschaft Ostafrika (NLO), Sparkasse Feldkirch, Konto-Nr. 03100-602261, BLZ: 20604, IBAN: AT892060403100602261, BIC: SPKFKAT2BXXX