Kenia: Eine Initiative wächst ins Land hinaus

 

Ein Einzelner kann eine Menge tun, um seine Umgebung zu verbessern. Davon handelt die Geschichte von Philip Munyasia, dem 33-jährigen Gründer von OTEPIC. Die Grassroots (Graswurzeln) Organisation ist eine Bewegung, die aus der Basis der armen Bevölkerung in der Stadt Kitale im Nordwesten Kenias entstanden ist. Aufgewachsen unter ärmsten Bedingungen in einem Slum in Kitale als jüngster von acht Brüdern, erhielt er als einziger die Chance auf eine Ausbildung. Er nutzte sein Privileg und seine damit erworbenen Fähigkeiten, um die Lebensbedingungen in seinem Township und darüber hinaus zu verbessern.

Philips Credo: „Ich glaube, dass Afrikas Probleme an afrikanische Lösungen gebunden sind, gleichzeitig ist eine enge Zusammenarbeit aus allen Teilen der Welt notwendig, um die globalen Probleme zu lösen.“ Seine Worte „in Gottes Ohr“. Ohne die Einsicht der globalen Machtzentren, der in der industrialisierten Welt heimischen Großkonzerne und der internationalen Organisationen, die oft sogar die sogenannte Entwicklungshilfe für ihre profitorientierten Ziele zu Lasten Afrikas missbrauchen, wird es allerdings keine Verbesserungen geben.

Mit der 2008 gegründeten Selbsthilfeinitiative OTEPIC wurde tausenden von Kleinbauern, Frauen und Jugendlichen gezeigt, wie sie ihre Nahrung auf kleinstem Raum selbst anbauen können, wie sie Regenwasser ernten und mit Solarenergie kochen können, wie sie die ursprünglichen Wälder wieder aufforsten, Stammeskonflikte beilegen und mit Saatgut, Wasser, Kompost, Energie und miteinander nachhaltig umgehen können. Nun entsteht ein Öko-Friedensdorf als Modell und Schule für Nachhaltigkeit. OTEPIC möchte das Wissen über nachhaltige Bewirtschaftung von Land an möglichst viele Menschen weitergeben. Zielgruppen sind vorwiegend Menschen, die in Armut leben. Kolonialisierung und Globalisierung haben das Land ausgenutzt und die Menschen ihres ursprünglichen Wohlstands und Wissens beraubt. Während die große Mehrheit des Landes Agrarkonzernen gehört, bleiben den meisten Familien winzige Grundstücke, auf denen sie anbauen, was sie brauchen. Viele Männer gehen weg, viele Jugendliche haben keine Perspektive: Es ist dieselbe Situation wie in einem Großteil der Erde. Hier wuchs Philip auf. Während der letzten Jahre haben er und sein Team einige tausend Frauen, Bauern und Jugendliche in ökologischer Landwirtschaft, Konfliktlösung und Gemeinschaftsaufbau unterrichtet.

Zusätzlich wurde heuer ein neues Projekt begonnen: Essen auszugeben und Vertrauen sowie Kontakt zu Straßenkindern aus dem Slum in Kitale aufzubauen.

Basics von OTEPIC

Der Name OTEPIC steht für: Organic Technology Extension and Promotion of Initiative Center, frei übersetzt: Initiativ-Zentrum für die Ausbreitung und Förderung von bio-organischen Technologien

Derzeit befindet sich der Hauptstandort in der Nähe von Kitale, dort werden drei Grundstücke (Mitume 441 m², Armani Garden 0.5 ha und Sabwani 10 ha) nachhaltig genutzt.

Team:  zur Zeit 11 bezahlte MitareiterInnen und 10-40 Ehrenamtliche (werden gerne auch aus Europa aufgenommen, Reisekosten müssen selbst getragen werden, Mahlzeiten an Arbeitstagen im Projekt sind gratis). Sobald die Rahmenbedingungen verbessert werden, sollen mehr Leute auf dem Land der Gemeinschaft leben und wirtschaften.

Grundsätze der Gemeinschaft

  • Förderung von Vielfalt und Mischkultur: Anbau Getreide und Gemüse nach biologischen und nachhaltigen Prinzipien
  • Komposterzeugung aus organischen Abfällen
  • Wasser als lebendigen Organismus verstehen
  • artgerechter Umgang mit Tieren
  • Erlernen Ernteüberschüsse zu vermarkten
  • Saatgut selbst gewinnen
  • Mit Solarenergie und Biogas kochen
  • Ernteüberschüsse mit den Nachbarn teilen
  • Anstreben/Erreichen von Autonomie in den Bereichen Wasser, Energie und Nahrung
  • friedvollem Miteinander praktisch umsetzen und fördern.
  • Teilnahme an einer Nahrungs-Revolution („Join the real food revolution“)

Bislang wurden im Öko-Friedens-Dorf drei Gärten mit Bio-Gemüse, eine Biogas-Anlage in einem der Gärten, zwei Bohrlöcher für frisches Trinkwasser (gepumpt mit Solarpanelen) und  eine Friedenshütte errichtet. Drei Geburtshäuser, um Frauen eine sichere Umgebung zu bieten, sind im Aufbau. Die Ziegel für Häuser werden selbst aus Erde gepresst.

Workshops zu Saatgutgewinnung, Gemüseanbau auf kleinstem Raum, Kompost und Wassermanagement werden laufend angeboten.

Zukunftspläne: Ein Seminarzentrum für ökologischen Landbau und Permakultur, ein Kompetenzzentrum für sichere Geburten, mehr Bäume pflanzen, Anbau von Kaffee und Avocados, ab 2017 Sonnenblumenöl erzeugen. Sobald die Rahmenbedingungen verbessert werden, sollen mehr Leute auf dem Land gemeinsam leben und das Land bewirtschaften.

Finanzierung: Spenden von Freunden und Unterstützern in Kenia, Europa und Nordamerika.

Infos: www.otepic.org, Kontakt: Philip Munyasia, otepic07@yahoo.com, Tel: +254725429179

Spenden c/o: Interkulturelle Friedensstiftung, Merck Finck & Co München, IBAN: DE 18700 30400 0000 301078, BIC: MEFIDEMM, Verwendungszweck: OTEPIC KENYA 

 

Philip Munyasia: Warum ich immer wieder nach Afrika zurückkehre

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich immer wieder in meine Heimat zurückkehre: in den Slum von Kitale in Kenia.

Ich war der jüngste von acht Brüdern einer armen Familie und wusste nie, wann ich das nächste Mal wieder etwas zu essen bekommen würde. Wie durch ein Wunder erhielt ich die Chance, zur Schule zu gehen und später in der USA für sechs Monate an einem Permakultur-Institut zu studieren. Ich war das erste Mal im Ausland. Ein Junge aus einem afrikanischen Slum in den USA, das war ein Traum! Von den sechs jungen Männern, die mit mir reisten, bin ich der einzige, der zurückkehrte. Meine Familie und Freunde glaubten, ich sei verrückt, freiwillig in diese Armut zurückzukehren. Aber ich war und bin überzeugt, dass all diese Zufälle, die mir geschehen waren, einen Sinn haben. Ich hatte die Chance zum Lernen erhalten, das hieß für mich, dass mir die Verantwortung übertragen wurde, dieses Wissen dort weiterzugeben, wo es am meisten gebraucht wird. Und das war der Platz, von dem ich kam.

Ich wusste, ich könnte wirklich etwas verändern. Ich könnte jungen Menschen helfen, Ausbildung und Arbeit zu finden, ich könnte Frauen helfen, nicht mehr so ausgeliefert zu sein.

Dafür gründete ich die Selbsthilfeorganisation OTEPIC. Mittlerweile hatte ich mehrmals die Gelegenheit, nach Europa zu reisen, mein Wissen zu erweitern und Spenden zu erhalten, von denen ich mehrere Demonstrationsgärten anlegte. Ich sehe die Resultate meiner Arbeit, die Veränderung in meiner Gemeinde und den Vorteil, dass mein Wissen meinen Nachbarn gebracht hat. Wenn ich in Europa bleiben würde, wäre das wieder ein Brain-Drain und würde das Ungleichgewicht zwischen dem Norden und dem Süden weiter verstärken.

Menschen werden zu Flüchtlingen entweder aus wirtschaftlichen oder aus politischen Gründen. Als ich kürzlich in Kassel in Deutschland war, zeigten mir meine Gastgeber eine Waffenfabrik. Die Waffen, die dort produziert werden, werden in Afrika und dem Nahen Osten eingesetzt. Da liegt ein Grund für die Flucht!

Wir müssen gemeinsam Lösungen finden, in der globalen Gemeinschaft. Es gibt in Afrika viele kleine Initiativen, die versuchen, die Lebensverhältnisse zu verbessern und die Armut zu bekämpfen. Aber wir werden es nicht allein schaffen. Die internationale Gemeinschaft muss aktiv werden und das Kriegs- und Waffensystem beenden. Das ist ein Muss. Wir müssen von beiden Seiten zusammenarbeiten und machbare Lösungen finden, um die Herausforderungen der Migration zu beenden.

Viele Menschen in Kenia sind gehirngewaschen. Sie denken, Europas Straßen sind aus Gold gemacht. Ich versuche, das Bewusstsein dafür zu wecken, dass wir unseren Lebensstandard dort verbessern können, wo wir sind.

Gleichzeitig sehe ich tatsächlich in Europa das leichte Leben. Die Menschen haben keine großen Sorgen. Du drückst auf einen Knopf und hast heißes Wasser. Essen ist etwas, das einfach da ist, wenn du den Kühlschrank öffnest. Das ist bei uns anders. Aber es nützt nichts, vor seinen Problemen wegzulaufen. Wir müssen sie lösen, dort wo wir sind.

In meiner Weltsicht gibt es eine global vernetzte Kette, durch deren Zusammenwirken die Probleme entstehen, und eine andere, aus der die Lösungen gefunden werden. Ich möchte Teil der Lösungskette sein. Ich möchte mein Leben als Brücke leben. Die Brücke ist klein, aber sehr wertvoll, ich möchte sie nicht zerbrechen, indem ich weggehe.

Ich möchte alle Flüchtlinge ermutigen, in ihre Länder zurückzukehren und ihr Wissen zu teilen. Sie haben ja gesehen, dass auch in Europa nicht alle Menschen glücklich sind. Ich sehe Menschen auf der Straße liegen, ich sehe viel Einsamkeit. Ich sehe Orte, die wie Paradiese aussehen, aber wo die Menschen todunglücklich sind.

Glück ist dort, wo du bist. Mit der Natur kannst du dich dort verbinden, wo du lebst. An jedem Ort der Erde war die Natur einmal ausbalanciert und gesund – und kann wieder so werden. Lasst uns der Natur helfen, wieder zu heilen.

Ich will nicht der Menge folgen. Ich will es anders machen. Ich will meine Rolle als Katalysator des Wandels einnehmen und mein Leben als Fackel leben, die so hell brennt wie möglich. Das heißt, gute Beispiele zu zeigen. Manchmal ist das schwierig. Besonders Politiker machen einem das Leben schwer. Manche Menschen müssen sogar ins Gefängnis, weil sie gute Dinge tun. Umso mehr müssen wir uns gegenseitig unterstützen und Kraft geben bzw.  immer für das Positive eintreten. Wir glauben, dass man durch Angst Kraft verliert. Darum versuchen wir zu lächeln und weiterzumachen, unsere Angst zu überwinden und die Energie zu erzeugen, die uns weitermachen lässt, trotz aller Widerstände.

 

Die Frucht eines Ökodorfnetzwerktreffens

Spätestens hier werden sich einige aufmerksame LeserInnen fragen, wo der Österreichbezug bei diesem Projekt bleibt. Grundsätzlich berichten die Solidarischen Abenteuer ja von engagierten ÖsterreicherInnen, wobei es in jedem Fall wichtig ist, dass die Menschen vor Ort die Projekte tragen. Im Fall von OTEPIC ist der Österreichbezug nicht besonders groß, umso erfreulicher und bestimmt auch nachhaltiger ist die Tatsache, dass die Initiative von Anfang an von Menschen vor Ort initiiert und auch getragen wird.

Jedenfalls hat OTEPIC in Österreich einen engagierten Vertreter: Thomas Pelant. Der 30-jährige Steirer wuchs auf einem kleinen Selbstversorger-Biobauernhof mit Ziegenmilch, Äpfel, Kiwis und Feigen auf. Der Physiotherapeut lebt sehr naturverbunden und setzt sich für den Frieden ein. Zwei Jahre hat er in Dänemark gelebt. In Portugal hat er sich für das Gemeinschaftsprojekt www.tamera.org als mögliche Lebensutopie begeistern lassen. Im Zuge dessen hat Thomas das Ökodorfnetzwerktreffen (GEN Global Ecovillage Network) besucht und dort Philip aus Kenia getroffen. Als Brückenbauer von einer Welt der Gewalt und Ausbeutung hin zu einer Welt, wo lokale Ressourcen genützt und gestärkt werden – in einem globalen Denken und zusammenarbeiten, so sieht Thomas seine Zukunft: „Ändern der Lebensumstände in der westlichen Welt hier vor Ort in meinem Leben hin zu einem naturverbundenen und nachhaltigen Lebensstil – auch in Afrika  – ein Traum von einem Ökodorf hier und dort. Modelle die sich ergänzen, die voneinander lernen, die wachsen und Alternativen realisieren, die dem Frieden dienen.  Philip ist ziemlich gleich alt wie ich und sagt mir, dass er so hell leuchten will wie er kann, um OTEPIC aufzubauen. Er motiviert mich hier in Österreich am Ball zu bleiben. Damit meine ich die Arbeit mit dem Bauernhof und dem Land, den Menschen – für Gemeinschaft, die Vertrauen aufbaut und ein neues Lebensmodell schafft, dass sich nicht auf Ausbeutung und Machtgefällen orientiert, sondern nachhaltig mit der Umwelt und miteinander funktioniert.“

Siehe: http://www.leben-in-gemeinschaft.net/

Darüber hinaus wurde OTEPIC bezüglich Permakultur auch von Sepp Holzer beraten. Der ehemalige Lungauer (Ramingstein/Salzburg) Bergbauer ist ein Pionier der Permakultur und lebt nun nach seiner Pensionierung mit seiner Frau im Burgenland. www.seppholzer.at oder www.krameterhof.at (wird nun vom Sohn Josef Andreas weiter geführt). Philipp über diese Kooperation: „Ich traf Sepp Holzer zum ersten Mal in Portugal als ich an einigen seiner Permakultur-Trainings teilnahm. Er lud mich darauf hin ein, ihn in Österreich auf seinem Krameterhof zu besuchen. Dort lernte ich einige Techniken mehr, welche ich gleich mit meiner Community in Afrika teilte. Sepp Holzer unterstützt uns insofern, indem er in seinem Umfeld für ehrenamtliche Mitarbeit bei unseren Projekten in Kenia Werbung macht.“

 

 


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