Architektur ohne Grenzen: Nachhaltige Bauten fürs globale Dorf

Pakistan-webSeine 50 Mitglieder wirken zur Zeit in Alaska, Bhutan, Montenegro, Niger, Pakistan und Südsudan. Dabei ist der Verein «Architekur ohne Grenzen» erst 2011 gegründet worden. Sein Ziel: NGOs und Gemeinden, egal aus welchem Winkel der Welt, bei der Vorbereitung, Entwicklung und Umsetzung von «Architektur mit humanitärem Anspruch» kompetent zu unterstützen. Durch den Aufbau eines interdisziplinären Netzwerks bietet der Verein Hilfsorganisationen, karitativen Einrichtungen und Gemeinden kompetente Unterstützung bei der Vorbereitung, Entwicklung und Umsetzung von Architektur mit humanitärem Anspruch. Grundlagenforschung bildet die Basis jeder Projektarbeit. In intensiver Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Einsatzgebiet werden kulturelle, soziale, ethnologische, geographische, klimatische und bautypologische Gegebenheiten vor Ort untersucht und dokumentiert. Beim Bauen selbst sollen technische und ökologische Innovationen implementiert und vorhandenes Wissen genutzt und Vergessenes wiederbelebt werden. Ziel ist es, lokales Bauhandwerk und anonyme Bautradition in eine zeitgemäße Form zu übertragen.

Ende 2004 verwüstete ein nicht für möglich gehaltener Tsunami auch die südostasiatischen Tourismus-«Paradiese». Eine Viertelmillion Menschen ertrank. Den Meereswellen folgte die Hilfswelle. Ein großer Teil der Gelder floss in den Wiederaufbau der 140.000 zerstörten Privathäuser und öffentlicher Gebäude. Wie die Betroffenen acht Jahre später in diesen neu errichteten Häusern wohnen (oder ob sie überhaupt dort wohnen), interessiert die Medien wenig. Dabei könnten sie diesbezüglich durchaus einige Skandale dokumentieren, was sie ja sonst so gerne machen. Zum Beispiel den, dass die BewohnerInnen mancher Aufbauprojekte nicht im Geringsten in die Einrichtung ihrer Häuser miteinbezogen wurden. Europäische Architekten wollten Gutes tun und versagten aufgrund ihres uneingestandenen Eurozentrismus. In einer Schweizer Dokumentation ist ein Mann aus Sri Lanka zu sehen, dem es peinlich ist, es zu erklären: «Die haben uns eine Toilette mitten ins Haus gepflanzt. Das gehört sich doch nicht. Man hört jedes Geräusch, wenn man die Notdurft verrichtet.» Das erinnert an den grandiosen sowjetischen Spielfilm «Abschied von Matjora», der auf dem Roman von Walentin Rasputin basiert. Indigene Sibiriens werden zwangsumgesiedelt, weil ihr Dorf nach dem Bau einer Staustufe verschwinden wird. Das alte Mütterchen kommt in eine Stadtwohnung mit integriertem Klo. Eine Selbstverständlichkeit für den modernen Architekten, für die Alte aber eine Katastrophe. Im Dorf stand das Klo abseits des Wohnhauses, und niemand hörte ihr Pforzen.

An Bewohner-Bedürfnissen vorbeigeplant

Solche Art von Hilfe wollen die Mitglieder des Vereins «Architektur ohne Grenzen Austria» (AoG) von vornherein ächten. Die aus Rumänien stammende und in Wien lebende Architektin Gunda Maurer ist nicht besonders irritiert von der Frage, ob eine wirklich nachhaltig wirksame Entwicklungshilfe nicht den Rückzug der westlichen (und neuerdings chinesischen) EntwicklungshelferInnen aus ihren Einsatzländern zur Voraussetzung habe. «Wo immer unsere Mitglieder aktiv sind, ist das erste Prinzip, von den Leuten zu lernen.» Andernfalls komme es eben zu den Toilettenfehlern.

In den für die Tsunami-Opfer errichteten Häusern, sagt Gunda Maurer, gibt es auch andere Beispiele, dass an den Bedürfnissen der BewohnerInnen vorbeigeplant wurde. Viele der nach dem Tsunami gebauten Häuser verfügten plötzlich über eine geschlossene Küche ohne Kamin – obwohl die Bewohner auf dem offenen Feuer kochen. Dahinter sei freilich weniger Ignoranz als vielmehr eine pädagogische Attitüde gestanden: Mit dem Bau von geschlossenen Küchen sollte erreicht werden, dass die Menschen sich an andere Arten des Kochens gewöhnen. In Südostasien brennen nämlich Jahr für Jahr zahlreiche Häuser nieder, wenn das Feuer außer Kontrolle gerät. Inzwischen haben die meisten dieser Häuser eine Küche draußen mit offener Feuerstelle. Meine Frage war, ob «Architektur ohne Grenzen» mit jeweils einheimischen ArchitektInnen zusammenarbeite. Gerne, aber sie fehlten oft, sagt die Gründerin. In Bhutan, wo ihr Verein mehrfach aktiv ist, gibt es keine Architekturausbildung. Junge Leute, die sich für Architektur interessieren, studieren in Indien. «Dann kommen sie zurück in die buthanischen Dörfer am Fuße des kalten Himalaja und stellen Häuser hin, die an das subtropische Klima Indiens angepasst sind.»

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Tsunami-sicheres und interdisziplinäres Bauen

Im Zweimonats-Rhythmus organisiert der Verein öffentliche Gespräche über Architektur. Die oben erwähnten Beispiele stammen aus dem Buch «Tsunami Architecture» des Schweizer Künstlerpaars Draeger & Holzfeind. Im Buch und im gleichnamigen Film werden nicht nur solche Fehler dokumentiert. Die Rede ist auch von unkonventionellen Lösungen, die sich als echte Treffer erwiesen. Beispielsweise das knallbunte Dorf aus Beton-Iglus in Pottuvil, Sri Lanka: Ihre Bauweise ähnelt traditionellen sri-lankischen Häusern nicht im Entferntesten. Doch die Häuser haben das, was die Bewohner brauchen: einen Herd mit offenem Feuer, die Toilette hinter dem Haus, große Wassertanks und eine Tsunami sichere Konstruktion.

Seit 2011 existiert der Verein «Architektur ohne Grenzen Austria»; wie das letzte Wort im Vereinsnamen andeutet, ist er die österreichische Sektion des internationalen Netzwerks «architecture sans frontiéres», das die meisten AktivistInnen in Spanien und Frankreich hat. Der österreichische Zweig hat inzwischen 50 Mitglieder. «Wir wollen nicht nur ArchitektInnen, Baufachleute und PlanerInnen mobilisieren, sondern auch SoziologInnen, EthnologInnen oder etwa Partizipations-Fachleute, weil menschliche Architektur nur interdisziplinär durchsetzbar ist», sagt Gunda Maurer. Eine hohe ethische Haltung im Umgang mit lokaler Kultur vorausgesetzt, können ArchitektInnen in den über den Globus verstreuten Projekten jene Vorstellungen von ökologischer und sozial verantwortlicher Architektur verwirklichen, für die es in Österreich kaum freie Räume gibt. Aus der auch unter ArchitektInnen grassierenden neuen Armut können sie durch ihr Engagement an den grenzenlosen Projekten natürlich nicht ausbrechen, im Gegenteil: Wenn sie nicht selber SponsorInnen dafür aufzutreiben vermögen, gibt es diese Projekte eben nicht. Der Verein selber wird von der österreichischen ArchitektInnenkammer unterstützt. Wichtige Kooperationspartner in Wien sind die IG Architektur und das ArchitekturZentrum Wien. Die Stadt Wien meint, der Verein sei nicht förderungswürdig. Dass ein großer Teil der ArchitektInnen in Wien von der Architektur nicht leben kann und dass ihre KollegInnen Aufträge annehmen müssen, die ihrem Anspruch auf demokratische Planung und menschliche Architektur widersprechen, liege leider auch am Fehlen eines solidarischen Zusammenhalts in der Branche, meint Maurer. Sie sei 1987 aus Rumänien ausgewandert und habe im Geiste zwar nicht den pervertierten «Kommunismus» der Diktatur, aber die urkom- munistische Sehnsucht nach Egalität mit in den Westen gebracht, sodass sie die Diskrepanz zwischen dem Stararchitekten X und der prekär lebenden durchschnittlichen Architektin Y besonders obszön finde. Obszöner als jeden Toilettenfehler.

Das Alaska-Projekt: Ein Dorfzentrum und mehr

Kivalina ist ein Dorf auf einer Insel im Nordwesten Alaskas, das von Inupiats (indigene Bevölkerung) bewohnt wird. Die Inupiats sind vom Ursprung her halbnomadische Fischer (Walfänger) und Jäger, sie lebten früher je nach Jagdsituation und Wetterbedingungen in verschiedenen temporären Unterkünften. Durch die Ansiedelung auf dem langgestreckten Barriereriff zwischen der Tschuktschen-See und dem Kivalina-Fluss wurden die Menschen vor Ort Anfang des letzten Jahrhunderts zur radikalen Umstellung ihres Lebenswandels gezwungen und damit sukzessive in die Passivität gedrängt.

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Die Gemeinde ist auf Unterstützung angewiesen, es gibt kaum Steuereinnahmen. Auf der Insel herrscht akuter Platzmangel, da das Land durch die zunehmende Erosion immer kleiner wird. Früher begann im Herbst schon der Schneefall und die Flocken machten das Wasser zähflüssig, so dass das Meer Kivalina nichts anhaben konnte. Doch mit der Klimaerwärmung kommen Schnee und Eis immer später, und wenn im Herbst die Stürme kommen, schlagen die Wellen meterhoch und ungebremst gegen den Strand. Die Bevölkerung hat Deiche aus Fässern gebaut, um die Brandung abzuwehren. 2008 hat Kivalina 24 Öl- und Energiefirmen wegen Vorantreibung der globalen Erwärmung angeklagt, und verlangen Schadenersatz in Millionenhöhe für die Umsiedlung des Ortes. Die Diskussionen zur Umsiedlung Kivalinas laufen schon seit Jahren und zerteilt die Gemeinschaft.

Die Künstlergruppe «Wochenklausur» war im Zuge des Re-Locate-Projektes des Alaska Design Forums im August 2012 in Kivalina und hat sich intensiv mit den BewohnerInnen und der Infrastruktur vor Ort auseinandergesetzt. Ihr Ansatz ist, die Lebensbedingungen im jetzigen Zustand zu verbessern, die Gemeinschaft zu stärken und sich nicht mit dem Thema der Umsiedlung auseinanderzusetzen. Dafür haben sie gezielte Eingriffe geplant, die mit Hilfe von «Agents of Change» umgesetzt werden sollen. Eine ihrer Ideen war, das bestehende Community Center mit Hilfe der Dorfgemeinschaft umzuplanen und -bauen. Architektur ohne Grenzen fühlt sich sehr geehrt, diese Herausforderung annehmen zu dürfen. Offensichtlich geht es darum, das bestehende Community Center in ein freundlicheres Gebäude umzuwandeln, in dem gerne Treffen abgehalten werden und in dem die Gemeinschaft neue Motivation für ein Zusammenleben und Entscheidungen über ein gemeinsames Umsiedeln finden soll. Der wichtigere Gedanke aber ist der soziale und partizipative Prozess, der zustande kommt, wenn gemeinschaftlich entworfen und gebaut wird. Der soziale Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft soll gestärkt werden, indem ihr das Selbstbewusstsein für ihre Kultur zurückgegeben wird.

Quelle: Artikel von Robert Sommer, veröffentlicht in Augustin Nr. 336 (23.1.-5.2.2013)

Architektur ohne Grenzen www.arch-og.at Spenden: Erste Bank, Konto 820 266 108 00, BLZ 20111, IBAN AT692011182026610800, BIC: GIBAATWWXXX

Bildlegende (von oben nach unten): 1. Das Community Center Nikimori in Pakistan wurde in einer fast schon vergessenen Bauweise errichtet, die sich zwar nicht statisch errechnen lässt, aber selbst schweren Erdbeben standhält. Das AoG-Vorstandsmitglied Fritz Oettl wirkte dabei mit. 2. Traditionelles Stampflehmhaus mit Holzveranda – eine perfekt an das harte Klima in den Bergen Bhutans angepasste Bauweise. Die AoG-Vorstandsmitglieder Christine und Franz Leuten wollen seine Vorteile herausfinden, speziell die bauphysikalischen, die genial ausgetüftelt scheinen. 3. Die Vereinsinitiatorin Gunda Maurer im Dorf Nyeyok im Süd-Sudan. Dort unterstützte sie persönlich den Aufbau eines sozialen Zentrums, das einen Schul-Campus, eine medizinische Station und eine Ausspeisung umfassen sollte. Leider konnte das Projekt nicht vollendet werden, da wieder Kämpfe ausbrachen. Mitte Mai 2015 erhielt Gunda die traurige Nachricht, dass das Dorf in Brand gesteckt wurde und die BewohnerInnen fliehen mussten. 4. Jugendliche vom Dorf Kivalina (Insel im Nordwesten Alaskas) Inupiats 5. Von oben ist besonders gut sichtbar, wie sehr das Dorf Kivalina vom Meer bedroht ist. Alle Fotos: Architektur ohne Grenzen Austra


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