Werner-Hörtner-Gedenkfonds: Hilfe für drogensüchtige Straßenkinder in Kolumbien

 

Vorbemerkung: Seit über 25 Jahren schätzte ich den so liebenswürdigen Journalisten, Buchautor, Südwind-Redakteur, Mitbegründer der IGLA (Informationsgruppe Lateinamerika) und Menschenrechtsaktivisten Werner Hörtner. Daher freute mich wieder besonders, als ich vor wenigen Wochen bei einem Geburtstagsfest wieder mal mit ihm plaudern durfte. Wenige Tage später schickte ich ihm ein Mail mit der Einladung zur Beteiligung an den solidarischen Abenteuern. Leider werde ich keine Antwort mehr erhalten: Bei einer Bergtour in Rumänien, unterwegs mit seinem Bruder, hörte das 66-jährige Herz von Werner am 6. Juni auf zu schlagen. Da ich weiß, dass ihm das Projekt für kolumbianische Straßenkinder (welches er auch über viele Jahre persönlich unterstützte) besonders am Herzen lag, hoffe ich, dass es in seinem Sinne ist dieses Projekt hier vorzustellen. 
Hans Bogenreiter, Juni 2015

Liebe als Drogentherapie:

Sensationelle Erfolge abseits der offiziellen Medizin

Artikel von Werner Hörtner, Augustin, 22.07.2014

In Kolumbien arbeitet ein Claretiner-Priester seit 30 Jahren mit drogensüchtigen Straßenkindern und straffälligen Jugendlichen zusammen. Mit spektakulärem Erfolg. Tausende von ihnen wurden bisher resozialisiert, stehen heute im Berufsleben, einige haben ein Universitätsstudium begonnen.

Kol-Pferdetherapie-webIn Österreich gibt es moderne Therapiezentren zur Behandlung von Drogenabhängigkeit, wobei das Angebot von ambulanter Betreuung und Substitutionsbehandlung bis zu stationärer Bezugstherapie reicht. Ein großes Team von Fachpersonal begleitet die Behandlungsprozesse; die Kosten werden von der Krankenkasse oder vom Sozialhilfeträger übernommen. In Kolumbien wurde die Gesundheitsversorgung seit dem neoliberalen Siegeszug Anfang der 1990er Jahre schrittweise privatisiert und hat sich für die minderbemittelten Bevölkerungsschichten dementsprechend verschlechtert. Therapien gegen Suchtabhängigkeiten sind überhaupt ein Privileg der Reichen. Privat heißt aber nicht immer «in den Fängen des Kapitalismus». Ohne private Initiativen würde vor allem im Sozialbereich vieles noch mehr im Argen liegen als zurzeit. Der kolumbianische Priester Gabriel Mejía Montero vom spanischen Orden der Claretiner hat im Mai 1984 in der Millionenstadt Medellín, bekannt auch als Hochburg des Drogenhandels, ein erstes Heim für drogensüchtige Straßenkinder eröffnet; diesem sind seither zahlreiche weitere gefolgt. Seine unkonventionellen Therapiemethoden finden weltweite Beachtung; von der UNESCO und anderen internationalen Organisationen wird er immer wieder als Berater herangezogen. Sein Leitmotiv lautet: «Die Liebe ist das wichtigste Medikament.»

Kol-MaedPater-web«La Libertad» (Die Freiheit) ist eines der zahlreichen Heime, die Padre Gabriel Mejía in den letzten 30 Jahren in Kolumbien aufgebaut hat. Der Name besteht zu Recht. Alle Ausgänge des großen Gebäudekomplexes sind offen. Sollte tatsächlich jemand abhauen, so werden die Behörden und – falls auffindbar – die Angehörigen verständigt. Doch das kommt ziemlich selten vor, versichert der Padre, wie er allseits genannt wird. Am Anfang eher noch – schließlich ist der Schritt vom Leben auf der Straße zu dem eines Heimes mit Disziplin und Regeln ungeheuer groß -, doch je länger der Aufenthalt, desto seltener verlässt jemand unerlaubt die Anstalt. Wenn man die Kinder und Jugendlichen ansieht, kann man an ihren Gesichtern ziemlich genau ablesen, wie lange sie sich bereits in dem Heim befinden. Den «Neueren» sieht man noch mehrere Monate lang das Leben auf der Straße, den Konsum des extrem gesundheitsschädlichen Crack, das Schnüffeln von Klebstoff und ähnlichen Substanzen an: ausdruckslose Augen, schlaffe, manchmal verzogene Gesichtszüge. Dann beginnt die Veränderung, die Augen werden lebhafter, die Haut wird straffer – und das Lächeln kehrt zurück, ein Gefühlsausdruck, den die Kinder schon vor Jahren verlernt hatten. Milton V. war einer der ersten Insassen des Heims. Als drogensüchtiges Kind kam er von der Straße in die Sozialeinrichtung und machte dann den ganzen Entzugs- und Aufbauprozess mit, erlernte einen Beruf und absolvierte das große Ausbildungszentrum der Claret-Stiftung, des Rechtsträgers der Heime, in Medellín. Heute ist er selbst als Ausbildner und Lehrer in der «Libertad» tätig. So wie er sind heute viele ehemalige Insassen als Lehrkräfte in den Heimen angestellt.

Vorbilder: die Befreiungstheologen

Kol-Wernerkinder-webGabriel Mejía Montero verbrachte seine Kindheit in seiner Geburtsstadt Cali, nach Bogotá und Medellín die drittgrößte Stadt Kolumbiens. Mit 13 Jahren trat er in eine Schule des spanischen Claretiner-Ordens ein und begann dann dort auch das Priesterstudium. «In der Aufbruchsstimmung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe ich sehr engagierte Geistliche kennengelernt, leidenschaftliche, von der Option für die Armen erfüllte Menschen. Und ich verspürte dann bald ein besonderes Bedürfnis, für Kinder und Jugendliche tätig zu sein.» Seine Vorbilder sind Paulo Freire und die anderen Vordenker der Befreiungstheologie. Durch seine Arbeit mit den Jugendlichen hat Padre Gabriel bald den Drogenmissbrauch als ein großes gesellschaftliches Problem erkannt. 1982 wird er nach Italien geschickt, um dort die bereits weit fortgeschrittene Entwicklung der therapeutischen Gemeinschaften, d. h. der Drogenentzugseinrichtungen, kennenzulernen. «In Kolumbien hat es damals so etwas überhaupt nicht gegeben.» Der «Padre», wie er allseits genannt wird, hat damals schon erkannt, dass die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu seinem Lebensmittelpunkt wird, und begann, den Aufbau der Stiftung der Claret-Heime voranzutreiben. Im Mai 1984, vor genau 30 Jahren, wird das erste Heim eröffnet. «Wir sahen, dass die Notwendigkeit von einem Zuhause für Kinder ohne Familie, ohne Dach über dem Kopf so groß war, dass wir im selben Jahr 1984 in Medellín noch vier weitere Zentren eröffneten.» Derzeit laufen in Kolumbien 38 verschiedene Programme der Claret-Heime, in denen über 3000 Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis 18 Jahren betreut werden. Es gibt auch ambulante Betreuungsstätten für Obdachlose und für drogenabhängige Erwachsene.

Padre Gabriel hat auch mit der Regierung mehrere Verträge abgeschlossen, wonach er die Betreuung der Gefängnisse für jugendliche Straftäter_innen übernimmt. Seine Bedingung: keine Polizei in den Anstalten und kein bewaffnetes Wachpersonal. «Vor einiger Zeit habe ich mit der Justizministerin eines dieser Gefängnisse besucht. Als sie die Jugendlichen mit ihrer kriminellen Vergangenheit meditieren sah und erlebte, welche harmonische Stimmung dort herrschte, stiegen ihr die Tränen hoch. Ja, die Liebe kann eine ungeheure Kraft entwickeln. Und so kommt es dazu, dass diese Jugendlichen nach ihrer Entlassung einen Beruf ergreifen oder gar ein Universitätsstudium beginnen», erzählt der Padre von seiner Arbeit und seinem Credo.

Einfluss Viktor Frankls

In der «Libertad» erlebe ich einige der Therapien, die Gabriel Mejía anwendet. Neben seinem schon erwähnten Leitsatz von der Liebe als wichtigster Medizin hat er noch zahlreiche andere Behandlungsformen übernommen oder entwickelt. Etwa die Hippo-Therapie. Ein Pferd wird abgerichtet, sich auf den Boden zu legen. Ein Kind legt sich bäuchlings auf das Pferd und beginnt es zu streicheln. Mit einer Hingabe, die erahnen lässt, welche lang verschütteten Gefühle in dem jungen Menschen wieder zum Erwachen gelangen.

Von großer therapeutischer Bedeutung ist für Padre Mejía das Meditieren. Er hat das System der Transzendentalen Meditation in den Heimen eingeführt. «Die Meditation ist eine Technik, die überhaupt nichts mit dem Glauben zu tun hat. Pro Tag gehen etwa 70.000 Gedanken durch unser Hirn. Durch die Meditation werden Gedanken eliminiert, aber nicht ausgelöscht. Sie werden «transzendentiert».» Auf Ersuchen des Padre lädt der Yoga-Lehrer des Heimes «Libertad» zu einer Aufführung ganz besonderer Art ein: dem «Fliegen». Eine Gruppe Jugendlicher meditiert in einem mit Matten ausgelegten Raum. Es ist zwar kein wirkliches Fliegen, und noch viel weniger ein Schweben, sondern vielmehr ein Hüpfen. Nach der Meditationsphase beginnt der auf der Matte sitzende Körper zu zittern, immer stärker und stärker, bis er plötzlich, wie von einer unsichtbaren Kraft emporgeschleudert, etwa einen bis eineinhalb Meter in die Höhe fliegt. «Es hängt von meinem inneren Zustand ab, ob ich höher oder weniger hoch fliege», erklärt mir später einer der jugendlichen Hüpfer. Für den Padre ist das Hüpfen ein Nebeneffekt der Meditation, die dabei hilft, «den Kopf zu reinigen, freizumachen für konstruktive Gedanken. Sie beflügelt die innere Intelligenz des Körpers und fördert Fähigkeiten wie Kreativität und Konzentration.»

Einen starken Einfluss auf das pädagogische Modell von Padre Mejía übte der 1997 verstorbene österreichische Psychiater und Psychologe Viktor Frankl aus. Er hat ihn erstmals 1982 bei einem Kurs in Rom kennengelernt und später noch bei zwei weiteren Gelegenheiten getroffen. Padre Gabriel Mejía war nie als Priester tätig, sondern hat immer nur mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. «Meine Kirche ist die Straße», sagt er lächelnd. Wegen seiner Erfolge bei der Drogenprävention und im Kampf gegen die Drogensucht wird er immer wieder von internationalen Organisationen, wie etwa der UNESCO, als Berater herangezogen. Jahrelang war er Präsident des «Lateinamerikanischen Verbandes von therapeutischen Gemeinschaften». Sein therapeutisches und pädagogisches Modell hat sich auch auf andere lateinamerikanische Länder ausgebreitet.

PS: Bei seiner letzten Kolumbienreise 2014 begleitete Werner Hörtner gemeinsam mit Wolfgang Heindl (Katholische Männerbewegung) Padre Gabriel auf einer Tour durch mehrere Heime. Die österreichische «Entwicklungszusammenarbeit» fördert in Kolumbien keine Projekte, dafür sind einige kirchliche oder kirchennahe Organisationen dort aktiv. Die Katholische Männerbewegung unterstützt die Arbeit des Padre Gabriel Mejía bereits seit 2002. Werner Hörtner schrieb auch bereits an einem Buch über die Arbeit von Padre Gabriel mit den Straßenkindern. Inwieweit es zu einer posthumen Veröffentlichung kommen kann, ist derzeit nicht absehbar.

Spenden: Konto von IGLA (Informationsgruppe Lateinamerika): Kennwort: Werner, IBAN: AT11 6000 0000 0161 8398, BIC: OPSKATWW, Weitere Infos auf www.seisofrei.at und www.fundacionhogaresclaret.org

Fotolegende (von oben nach unten): 1. Eine Pferdetherapie wird für drogensüchtige Straßenkinder oft erfolgreich eingesetzt. 2. Padre Gabriel im Gespräch mit einem verzweifelten Mädchen, 3. Werner Hörtner zu Besuch im Heim „Freiheit“ in Cali. Copyright: Seiseifrei/Wolfgang Heindl

 


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