Simple Wisdom in Sri Lanka und Indien

Tsunami-KinderDer Oberösterreicher Florian Palzinsky hatte bereits mit 16 erste Unterrichtserfahrung als Windsurflehrer. Nach dem Schulabschluss an einem humanistischen Gymnasium in Salzburg arbeitete er auf biologischen Farmen in Amerika und bildete sich in mehreren buddhistischen Zentren in Europa weiter. Zwölf Jahre (1992-2004) lebte er als buddhistischer Mönch in Thailand und Sri Lanka, wo er seit 1999 Sozialprojekte koordiniert. Nach Yoga-Ausbildungen in Australien und Europa ist er seit über zehn Jahren freiberuflicher Yoga- und Meditationslehrer in Mondsee. Mit dem Verein „Simple Wisdom“, also „einfacher Weisheit“, unterstützt und organisiert er bis heute – gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin – Projekte in Indien und Sri Lanka; allerdings in einem reduzierten Maß, da er in Asien in erster Linie überwintert, um spirituell neue Impulse zu erhalten. Florians Buch „Wie ein Fremder im Paradies – Mein Leben als buddhistischer Mönch zwischen Askese, Abenteuer und sozialem Engagement“ (Verlag: www.edition-innsalz.at) vermittelt Einblicke in sein Leben, in Weisheiten und in die Kraft des Helfens.

Der Tsunami: Größte Herausforderung für „Simple Wisdom“

Florian Palzinsky war gerade in Colombo, der Hauptstadt von Sri Lanka, als am 26. Dezember 2004 der verheerende Tsunami die Küsten Sri Lankas, Indiens, Indonesiens und Thailands verwüstete. Spontan begann er mit Hilfsaktionen, über die er ab 2005 regelmäßig berichtete, im folgenden Auszüge aus seinem 1. Projektbericht:

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Wenige Stunden nachdem die Flutwelle in Sri Lanka über 35.000 Menschenleben zerstört hatte, war mir und meiner Kollegin Theja klar, dass für unsere „Simple Wisdom“ Sozialaktivitäten eine neue Phase begonnen hatte. Allerdings hat nach all den engagierten Jahren keiner von uns damit gerechnet, was für eine intensive Herausforderung dies im Endeffekt sein würde. In 14 Hilfsprojektreisen, die jeweils bis zu drei Tagen dauerten, haben wir über 6.000 Kilometer entlang der oft völlig zerstörten Küste und quer durch das Land zurückgelegt und dabei mehr als 25 betroffene Orte besucht, um Hilfsaktionen im Wert von über 200.000 Euro zu unternehmen. Dabei soll auch erwähnt werden, dass die zahlreichen solidarischen Gespräche, die wir dabei geführt haben und die ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit sind, natürlich nicht in Geldwerten gemessen werden können! Einige einheimische Mitarbeiterlnnen standen uns dabei zur Seite, sowie die unerwartet hohe Spendenfreudigkeit aus dem Ausland. Dazu kam eine effektive Publicity und Web-Arbeit von weiteren freiwilligen Mitarbeiterlnnen in Europa und Australien. Durch diese ideale Kombination von Manpower und Geld war es uns auf effektive und unbürokratische Weise möglich, die Not von betroffenen Familien, Müttern, Kindern, Waisen, Witwen, Lehrern, Fischern, Geschäftsleuten, Handwerkern in Dörfern, Flüchtlingslagern, Schulen und Kleinbetrieben auf vielfältigste Weise zu lindem.

Jede Aktion und jede Reise war eine Herausforderung und Lernaufgabe, da wir regelmäßig mit Situationen konfrontiert wurden, die für uns und auch für die Bevölkerung Sri Lankas völlig neu waren. Wir mussten erfahren, wie unterschiedlich Betroffene sich verhielten: Bei einigen stand Zurückhaltung und Scham vor ihrer plötzlichen Armut im Vordergrund, bei anderen Gier und Falschheit. Wir mussten lernen, wie weit man Medien und Versprechungen der Regierung trauen konnte, bzw. misstrauen musste; wir stellten fest, wie Privatinitiativen mit geringsten Mitteln Großartiges leisteten; wie sehr auch die Regierung und die großen, ,professionellen“ Organisationen in einigen Bereichen Tolles in Bewegung setzen konnten, aber auf an­ deren Ebenen versagen.

Da wir unsere Aktivitäten zunehmend von der Hilfsphase 1 (Versorgung mit Nahrung, Kleidung und Notunterkünften) in die Phase 2 (Wiederaufbau) verlagerten, stiegen unsere Projektausgaben stark an.

Tsunami-Schule-webTsunai-Werkzeuge-webWir hatten den Vorteil voll ausgenutzt, dass alle Mitarbeiterlnnen unserer kleinen und unabhängigen Organisation mit der einheimischen Kultur und den Sprachen aufgewachsen bzw. in meinem Fall hineingewachsen waren. Außerdem lähmte uns kein unüberblickbarer Administrationsapparat in unseren sehr spontanen und flexiblen Aktionen und wir hatten gelernt, relativ leicht die Lücken des Bürokratismus hindurchzuschlüpfen. Durch die großzügige Hilfe aus dem Ausland konnten wir uns sehr schnell den unterschiedlichsten Problemen widmen, bei denen der individuell betroffene Mensch immer im Mittelpunkt steht. Mit Bedacht hatten wir für unsere Einsätze hauptsächlich den Nordosten Sri Lankas gewählt, wo großteils marginalisierte Tamilen leben, da diese ebenfalls vom Tsunami schwer betroffene Region auch bei der Verteilung von Hilfsgütern durch die Regierung, die wiederum eng mit den großen internationalen Hilfsorganisationen zusammenarbeitete, eher stiefmütterlich behandelt wurde.

Im Namen der vielen Menschen, denen wir geholfen haben und damit eine Chance auf eine Zukunft gegeben haben, möchte ich mich bei allen Spendern bedanken.

Video-Tipp: ORF III-ARD-Alpha-Doku „10 Jahre Tsunami“: Dieser 45-minütige Film über Florians Sozialprojekte nach dem Tsunami und sein Leben als Mönch wurde im Februar 2014 gedreht und am 15. 12. 2014 ausgestrahlt.
https://www.youtube.com/watch?v=9VQzf6pdIoE

 

Bereits mehr oder weniger abgeschlossene Projekte in den vergangenen Jahren

Tsunami-Waisenkinder-webTsunami-Hausbau-web* * * Tsunami- und Kriegsflüchtlings-Projekte: Unterstützung von Familien, Unterstützung von Kindergärten, Schulen und Ausbildungsstätten (sieh Foto rechts Neubau einer Schule), Förderung von Schulkindern (siehe Foto links: Fahrräder für den Schulbesuch an Waisenkinder), Studenten und LehrerInnen, Brunnen- und Dammprojekte

* Unterstützung der Veddhas, der indigenen Bevölkerung von Sri Lanka, u. a. durch Förderung ihrer einzigartigen Sprache und Tradition (Bilderbuch, Wörterbuch, Mitfinanzierung von Meetings der Gemeinschaften), siehe auch Wikipedia.

* Unterstützung von Bauern und Kleinunternehmen u. a. durch Nähmaschinen, Handwerkzeuge, Fischerboote, Fahrräder.

* Unterstützung von Häftlingen (m/w)

Aktuell unterstützt „Simple Wisdom“ folgende Projekte:

* Sri Lanka: Projekte, die von Thushara Kumara (singhalesischer Simple-Wisdom-Projektmanager seit 2005) betreut werden: Schulbeihilfen für zehn Kinder bzw. Jugendliche, Gehälter von zwei Kindergärtnerinnen, Kleinprojekte für Bedürftige, z.B. Augenoperation, Schuldentilgung von Kleinbauern, Toiletten etc. Siehe Foto links: Thushara (rechts) besucht den 19-jährigen Pramod Ravihar de Zoysa nach der Augenoperation, die letztes Jahr zu einem großen Teil von „Simple Wisdom“ finanziert wurde, und die ihn vor dem Erblinden gerettet hat.

* Indien: PUNARNAVA TRUST: Eine Stiftung, die sich zur Aufgabe gestellt hat, die Gesundheit, Erziehung und Wohlbefinden der Landbevölkerung von Thisumalayampalayam Panchayat in Nähe der Stadt Coimbatore in Tamil Nadu (Süd-Indien) zu verbessern. Die Prinzipien von Ayurveda und Permakultur spielen hierbei eine wichtige Rolle. Zur Zeit wird ein Waisen- und Seniorenheim errichtet (siehe Baustelle, Foto rechts bzw. http://punarnava.org).

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Spenden Konto: „Sozialprojekte SW“,  IBAN: AT25 3432 2000 0032 3352 

 

Wie ein Fremder im Paradies

Auszüge aus Interview mit Florian Palzinsky (www.mymonk.de, 27. Juni 2012)

Hallo Florian, vielen Dank, dass Du Dir für das Interview Zeit nimmst – freut mich sehr! Wie geht es Dir jetzt gerade, in diesem Moment, und woran hast Du Dich heute schon erfreut?

Spirituell hab ich mich auch heute wieder an dem täglichen Luxus erfreut, Zeit für meine morgendliche Meditations- und Yoga-Praxis zu haben; als Lehrer freut es mich, dass mein nächster Meditations-Workshop fast ausgebucht ist; als „Haushälter“, dass es mir gelungen ist, den Badezimmerboden schön einzuölen und als Konsument erfreu ich mich an dem einen oder anderen Fußballspiel der EM. Allerdings bin ich nicht gerade stolz darauf, dass ich nach all den Jahren der spirituellen Praxis noch immer – oder jetzt wieder – von solchen spielerischen Banalitäten fasziniert bin (Anm.: Auch dem Initiator dieser Plattform kann davon ein „Kicker“-Lied singen.) – aber sie gehören eben auch dazu.

Was bedeutet Mönchsein für Dich? Glaubst Du, dass jeder von uns einen Mönch in sich trägt?

Das ordensgemäße „Mönchsein“ (d.h. ein Leben in Zölibat, eingebettet in den Regeln eines religiösen Ordens) ist für mich nach 12 Jahren buddhistisches Mönchsleben eine abgeschlossene Lebensphase. Aber das Bedürfnis, für kürzere oder längere Zeit dem weltlichen Treiben und Pflichten den Rücken zu kehren, ist nach wie vor vorhanden – allerdings unbelastet von religiösen Regeln und Verpflichtungen.

Yoga-florian-webIch denke, dass tief drinnen die meisten Menschen ein Verlangen nach Mönch- oder Nonne-sein haben. Aber in der mehr oder weniger selbstgemachten weltlichen Geschäftigkeit und Wichtigkeit geht das meist völlig unter. In dramatischen Lebenssituationen – wie schwere Krankheit oder Tod – werden wir dann wieder zwangsweise damit konfrontiert, dass wir im Leben eigentlich alleine (Lateinisch: monos) da stehen, und alles weltliche Streben im Großen und Ganzen sinnlos ist. Die meisten großen spirituellen Schriften und Meister weisen immer wieder darauf hin, dass alles wonach was wir streben, schon in uns ist: Glück und Wahrheit. Das komplizierte und mühsame Suchen im Draußen lenkt uns aber sehr effektiv davon ab, uns nach Innen zu orientieren. D.h. die Weisheit wäre eigentlich so nahe und erscheint uns trotzdem so weit weg. Ich denke, dass die kleineren und größeren weltlichen Leidenschaften (im wahrsten Sinne des Wortes) uns so in den Bann ziehen und im Hamsterrad weiterlaufen lassen, dass wir die meiste Zeit einfach vergessen, dass es da auch einen individuellen Zugang zu unserem tiefsten inneren Selbst gibt – jenseits von all den „ups and downs“ des Lebens.

Bei Deinen Reisen nach Sri Lanka hast Du bemerkt, wie stark sich Mitteleuropäer und Asiaten vor allem in einem Punkt unterscheiden: während wir Europäer alles bierernst nehmen, gehen die Asiaten deutlich locker mit „Problemen“ um. Eignet man sich eine solche Gelassenheit zwangsläufig an, wenn man oft in diesem Kulturkreis unterwegs ist?

Ich würde das aus meiner jetzigen Sicht nicht mehr so generalisieren. Die Schwerpunkte der Gelassenheit bzgw. der Ernsthaftigkeit liegen in beiden Kulturkreisen einfach woanders. Z.B. wird man in Sri Lanka sehr emotional, wenn es um die Familie und deren Ehre geht – bis hin zu Mord und Totschlag – wo wir hier einfach nur mit der Achsel zucken würden. Natürlich färbt es bis zu einem gewissen Maße ab, wenn man sieht mit welcher entspannten und ehrgeizlosen Einstellung dort manch einer seinem Lebensunterhalt nachgeht; umso größer ist dann allerdings der Kulturschock, wenn man dann hier wieder ganz im Ernst „funktionieren“ soll.

Als buddhistischer Mönch hast Du vor mehr als zehn Jahren regelmäßig Meditation in den größten Männer- und Frauengefängnissen von Sri Lanka unterrichtet. Wie geht es den Menschen, die in den Gefängnissen Sri Lankas leben – und wie kann ihnen Meditation helfen?

Medi-Stupa-webDie Situation in den Gefängnissen ist z.T. sehr dramatisch und fast „mittelalterlich“. Die Zellen sind überfüllt, Medikamente sind nicht ausreichend vorhanden; die Häftlinge im Hochsicherheitstrakt müssen an die 23 Stunden in einer kleinen manchmal fensterlosen Zelle alleine verbringen; die Gerichtsprozesse schleppen sich über Jahre hin und manch einer sitzt ganz unschuldig. Meditation ist unter solchen Umständen eine einfache, aber sehr wirkungsvolle Möglichkeit, mit der Situation zurecht zu kommen; aber das ist sie eigentlich in jeder Lebenssituation, egal ob im Knast der aus Zellen und Mauern besteht, oder im selber gemacht Gefängnis der eigenen Lebensumstände . In Sri Lanka kommt noch dazu, dass die meisten Häftlinge sowieso Buddhisten sind, und da hat die von Buddha gelehrte Meditation schon einen hohen Vertrauensvorschuss.

Macht Helfen glücklich – und wie können wir es Schritt für Schritt mehr in unseren Alltag integrieren?

Ich würde hier sehr genau unterscheiden, ob eine Hilfsaktion aus einer inneren Fülle ganz natürlich entsteht und sozusagen bloß überfließt, oder ob sie sich aus einer inneren Leere in Form eines „Helfersyndroms“ eine Kompensation ist. In dem Fall macht Helfen eigentlich nicht wirklich glücklich, bzw. überdeckt eine innere Unstimmigkeit. Zum Beispiel hat der große indische Weise Sri Ramana Maharshi darauf hingewiesen, dass das Ego manchmal durch scheinbar altruistische Aktionen mehr gestärkt als geschwächt wird – speziell wenn dabei viel Anerkennung von außen kommt.

Je mehr wir über unser eigenes Glück und Unglück im Klaren sind, desto besser können wir tatsächlich anderen Helfen – und nicht nur, um ein Lob zu erhalten und uns selber dabei gut zu fühlen. Wichtig dabei ist auch die Einsicht, dass Mitgefühl nicht unbedingt bedeutet, dass Leid des anderen verringern zu müssen – und trotzdem können wir das Leid und den Schmerz anerkennen.

Warum liebst Du das Reisen – und (warum) würdest Du es jemandem ans Herz legen, der auf der Suche nach sich selbst und seinen Wünschen ist?

Die eigenen vier Wände hinter sich zu lassen finde ich immer wieder wichtig, um mich daran zu erinnern, dass ich nur Gast auf Erden bin und dass ich nichts von dem was ich habe behalten kann. Das Reisen gibt mir die Möglichkeit, Gewohnheiten hinter mich zu lassen und dem Leben wieder unvoreingenommener und spontaner zu begegnen. Nach all den Reise- und Mönchs-Jahren habe ich meine erste eigene Wohnung erst mit 40 bezogen; dabei ist mir auch klar geworden, wie wunderbar so ein eigener geschützter Raum für das menschliche Wohlbefinden und die spirituelle Praxis sein kann. Für mich ist dabei wichtig, dass ich den eigene Wohnraum nicht dauernd im Kopf haben muss, und dass ich ihn leichten Herzens jederzeit für einige Monate zurück lassen kann. Das gibt mir ein Gefühl von Vogelfreiheit, ähnlich wie ich es als Mönch erfahren habe, als ich jederzeit meine wenigen Sachen packen konnte, um zu einer anderen Höhle, Hütte oder einen Tempel zu ziehen.

Veddha-am-SeeIm Endeffekt muss jeder selber herausfinden, ob er besser zu Hause oder in der Ferne mit sich in Kontakt treten kann, schließlich sollte die Umgebung dabei eine untergeordnete Rolle spielen.

Welche drei Dinge gehören zu den wichtigsten, die Du über das Reisen gelernt hast?

Wie schon gesagt – wird mir beim Reisen leichter vor Augen geführt, dass wir nur für kurze Zeit Gast auf dieser Erde sind, und uns eigentlich hier nichts gehört und wir davon auch nichts mitnehmen können. Mir wurde dadurch klarer, dass das Gefühl von innerlichen Wohlbefinden und Sicherheit nur bedingt von der Umgebung und den äußeren Umstanden abhängig ist. Wenn man in einer Beziehung auch in fremder Umgebung sich gut unterstützen und aushalten kann, dann hat sich daraus eine ideale Voraussetzung gebildet, um auch in den vertrauten eigenen vier Wänden miteinander in Harmonie zu leben.

Fotolegende (v.o.n.u.): 1.-5. Impressionen nach dem Tsunami, 6.-9. Bildbeschreibungen im Text, 10. Florian Palzinsky bei Yogaübung in Mondseeland, 11. Kalenderbild für Yogakalender 2016, Foto: Bryan Reinhart, siehe auch www.millretreats.at, 12. Abendstimmung im Waldgebiet der Veddha, Copyright Artikel und Fotos: Florian Palzinsky


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