Niger: Nomadenschule von IMARAN im Aufwind

Tuareg-schule-webIMARAN, der 2011 gegründete Verein mit Sitz in Agadez-Niger und einer Koordinationsstelle in Wien, unterstützt die Tuareg in der Region des Aïr im Norden von Niger. Dank Spendengeldern und dem Verkauf von Schmuck und Kunsthandwerk kann die Grundversorgung und damit die Lebensqualität von Tuareg in der Gegend von Talat (Gougaram), südöstlich der Stadt Arlit, nachhaltig verbessert und die Migration in die Nachbarstaaten verringert werden. Aktuell unterstützt wird die Nomadenschule von Intadeynawen / Ikalen Zararan.

Gegründet wurde IMARAN von Akidima Effad. Der Obmann des Vereins wurde wie viele Tuareg-Nomaden aus dem Niger durch die Dürreperioden und die politische Marginalisierung gezwungen, nach Libyen zu emigrieren, wo er mit Silberschmuck an touristischen Orten handelte. Mittlerweile arbeitet er als Feldforschungsassistent und Dolmetscher für Tamasheq (Sprache der Tuareg) gemeinsam mit seiner Frau Ines Kohl an sozialanthropologischen Projekten.
Ines wurde die Liebe zur Sahara mehr oder weniger in die Wiege gelegt. Vor rund 40 Jahren hatten ihre Eltern begonnen privat die Sahara zu erkunden. Was als Liebe zum Reisen in der Urlaubszeit begann, hat sich zum professionellen Reiseveranstalter entwickelt. Mittlerweile betreiben Engelbert und Monika Kohl seit über 25 Jahren ein eigenes Expeditionsunternehmen mit dem Schwerpunkt auf Wüstenregionen. Berts Erfahrungen resultierten in renommierten Bildbänden und „die Kohls“ unterstützten des öfteren Film- und Forscherteams bei Logistik, Routenführung und Expeditionsleitung. Ines, die von frühester Kindheit an vielen Reisen ihrer Eltern teilnahm, ist Sozialanthropologin, arbeitet als senior researcher am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und forscht seit Jahren über die Tuareg in der Sahara. Sie beschäftigt sich in zahlreichen Publikationen und Artikeln mit transnationaler Mobilität, Identität, Jugendkultur und „modernem“ Nomadentum.

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Der Alltag in einer Nomadenschule

Die Schule von Intadeynawen / Ikalen Zararan liegt ungefähr 80 Kilometer südöstlich von Arlit. Sie entstand im Jahr 2003 und hat derzeit (Stand 2015) 49 SchülerInnen (20 Mädchen und 29 Buben) und drei Lehrer. Die fünf Grundschulstufen (nach dem französischen System CI, CP, CE1, CE2, CM1) werden in drei Klassenräumen unterrichtet werden. Die Schulkinder kommen aus einem Umkreis von bis zu 15 Kilometern. Jene Kinder, deren Lager zu weit weg sind, bleiben über Nacht in der Schule und werden von den Lehrern und deren Frauen versorgt. Alle anderen Kinder kommen in der Früh gegen 7 Uhr und kehren abends zu ihren Eltern zurück. Nachdem die Kinder den ganzen Tag in der Schule verbringen, müssen sie auch versorgt werden. Da der Staat der Schule keine Unterstützung zukommen lässt, müssen die Eltern für die Versorgung der Kinder aufkommen. Sie sind zwar sehr motiviert, können jedoch das Schulgeld nur schwer aufbringen. IMARAN hat sich daher zum Ziel gesetzt, die Schulkinder zur Entlastung der Eltern mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen.

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Tuareg-Schneiderei-webNormalerweise erhalten die Kinder täglich ein Frühstück aus Hirsebrei mit Milch, ein Mittagessen, dass aus Reis mit Sauce oder Reis mit Bohnen besteht, und ein Abendessen, meist Nudeln. Die „Küche“ befindet sich unter einem Baum. Jeweils fünf bis sieben Kinder sitzen um eine Schüssel und teilen sich das Essen. Seit IMARAN dank der Spenden die Schule unterstützt, kommen alle Kinder (vorher nur jene, deren Eltern sich das leisten konnten) in den Genuss von Milch in der Früh. Wenn eine Schule den Kindern eine ausreichende Verpflegung und eine gute Unterkunft zur Verfügung stellen kann, steigt auch die Motivation der Eltern, ihre Kinder in die Schule zu schicken, da sie dort oft besser als zu Hause versorgt werden. Darüber hinaus kann nur mit Schulbildung eine nachhaltige Entwicklung der Region und eine selbstbestimmte Zukunft der Tuareg sichergestellt werden.
IMARAN half auch der Frauengruppe TEDHILT aus Agadez, die von der österreichischen Organisation AMINA – Aktiv für Menschen in Not – mittels eines Mikrokredits unterstützt wird, beim Aufbau ihrer neu gegründeten Schneiderei. Wir wünschen den Frauen viel Erfolg!

Die Philosophie von IMARAN

Seit Akidima Effad, der Gründer von IMARAN, mit seiner Frau Ines Kohl und dem gemeinsamen Sohn Rhissa in Österreich lebt, ist es ihm ein Anliegen etwas für seine Leute, die Tuareg (Kel Tamasheq / Imajeghen), im Niger, zu tun. Er, seine Frau als Stellvertreterin und die weiteren Vorstandsmitglieder Yahaya Seyni (Schriftführer) und Moussa Taifo (Kassier), die vor Ort sind, fassen ihre Motivation so zusammen: „Wir wollen mit dem Verein IMARAN nachhaltige Hilfe leisten. Wir wollen keine Abhängigkeiten schaffen, sondern den Menschen jene Unterstützung zukommen lassen die sie brauchen, um sich selbst zu helfen. Wir wollen, dass diese Menschen in ihrer Heimat eine rentable Lebensbasis bekommen, damit sie nicht in die Nachbarstaaten emigrieren müssen. Dies ist aus unserer Sicht nur mit Bildung zu erreichen. Daher investieren wir in die Zukunft der Kinder und unterstützen eine Nomadenschule mit dem Nötigsten.“

Fatimatas „Wiedergeburt“

Ein Tuareg-Baby aus Tchirozeren mit einer Lippen-Gaumen-Kiefer-Spalte wurde erfolgreich in Wien operiert

Die Vereine Tifinagh, Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen (GÖAB) und IMARAN organisierten im Mai 2011 die Reise der 8 Monate alten Fatimata aus Tchirozerine im Niger gemeinsam mit ihrer Mutter Fitina nach Wien, wo das Mädchen erfolgreich vom Team der Plastischen Chirurgie im Wilhelminenspital operiert wurde. Die Operation wurde von der Stadt Wien finanziert, die Reisekosten wurden durch Spenden gedeckt.
Das Mädchen wurde mit einer sehr ausgeprägten Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte geboren, eine Erkrankung, die zum damaligen Zeitpunkt im Niger nicht operierbar war! Die Spalte behinderte Fatimata beim Essen und Trinken, sodass das Mädchen unterernährt war. Sie hätte später auch massive Probleme beim Sprechen gehabt. In der Welt der Tuareg hat eine derartige Missbildung aber noch viel weitreichendere Folgen. Vor allem schwangere Frauen haben Angst, dass sich – sobald sie Fatimata ansehen – ihre Erkrankung auch auf ihre ungeborenen Kinder übertrage. In einer Gesellschaft wie jener der Tuareg, die in der Wüste lebt und das Zusammenleben auf gegenseitigem Geben und Nehmen beruht, hätte der Ausschluss aus der Gemeinschaft dramatische Folgen für die Familie gehabt. Fotos: Fatimata vor der Operation und mit ihrer Mutter Fitina ein Jahr nach der Operation.

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Infos: Verein IMARAN, Akidima Effad und Dr. Ines Kohl, 1060 Wien, Agadez/Niger, Tel.: 0043-1-676-789 17 88, buero@imaran.at, www.imaran.at, Spenden: Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, BIC: RLNWATWW, IBAN: AT10 3200 0000 1018 7037

 

Walk like a Tuareg

Ein FWF-Projekt erforscht die transnationalen Routen der Tuareg in der Sahara sowie deren Veränderungen durch neue Akteure, Handels- und Schmuggelwaren.

von Sabine Edith Braun, Ausgabe: Wer sagt Krise? (Auszug aus Falter-Artikel, 5/14, falter.at)

Tuareg-Paar-webBilder aus dem Reisebüro und von Prospekten: (Indigo-)Blaue Reiter mit Gesichtsschleier, als „stolze Söhne der Wüste“ bezeichnet. Der Volkswagenkonzern hat sogar einen Geländewagen nach ihnen benannt. Doch die Unabhängigkeit der Tuareg, auf die der Autoname anspielt, gerät zunehmend in Gefahr.
„Es ist ein ewiger Kampf gegen solche Klischees“, sagt Ines Kohl vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Mit Klischees behaftet ist nicht nur die Kleidung der Tuareg. „Immer wieder lese ich: ‚die Tuaregs‘ – dabei ist Tuareg ein Pluralwort“, sagt Kohl. Die Einzahl lautet „Targi“ bzw. „Targia“ und bezeichnet eine Sprachgruppe: Tuareg ist eine Variante des Berberischen. Ines Kohl erforscht die moderne transnationale Mobilität der Tuareg. Krisen in der Sahara und im Sahel zwangen viele von ihnen, ihren Lebensstil aufzugeben. Aus einem Großteil der ursprünglich viehzüchtenden Nomaden sind transnationale Akteure geworden, die sich mit dem Kleinhandel über die Grenzen, Schmuggel und Migration eine neue Lebensbasis geschaffen haben. Zuletzt mischten sich auch Kokain- und Waffenschmuggel darunter.

Wetterkapriolen treiben Nomaden in die Städte

Tuareg-Zelt-webVor einigen tausend Jahren war die Sahara ein Feuchtgebiet, dann fiel sie trocken. Doch was dort seit einigen Jahrzehnten passiert, ist ungewöhnlich. „Es kommt vermehrt zu Starkregenfällen. Der Wechsel von Dürreperioden und Regen in immer kürzeren Abständen schwemmt die Gartenanlagen weg, die viele Tuareg als zweites Standbein betreiben“, stellt Ines Kohl fest. Seit den Achtzigerjahren haben daher viele das Nomadenleben aufgegeben und sind in die Städte gezogen.Zur ökologischen kommt die ökonomische Krise: „Sie haben fast keine schulische Ausbildung. Viele können weder lesen noch schreiben“, sagt Kohl. Daher setzen die Tuareg ihre Nomadenfertigkeiten wie Orientierungsfähigkeit und transnationale Beziehungen vermehrt für Schmuggeltätigkeiten ein. Schmuggel von Lebensmitteln und Treibstoff zum eigenen Gebrauch gab es zwischen den Saharastaaten ja immer schon.

Das große Geschäft: Kokain für Europa

In den letzten Jahren habe sich aber dieser Schmuggel mit kriminellen Strukturen vermischt. Infolge des Libyenkriegs kam es zum Waffenschmuggel. Dabei bedienten sich Islamisten, aber auch Tuareg-Rebellen in Mali. Nach dem Tod Gaddafis kam es auch zum Alkoholschmuggel nach Libyen. Das größte Geschäft ist allerdings der Kokainhandel. Südamerikanisches Kokain landet in westafrikanischen Küstenstaaten und wird durch die Sahara nach Norden transportiert. Nach Schätzungen der UNODC kommen 14 Prozent des in Europa konsumierten Kokains über diese Route. Vom Kokainschmuggel über die Sahara weiß man, seit im Jahr 2008 in Mali ein Flugzeug abgestürzt ist.
Gegen die kriminellen Aspekte (Drogenhandel, Islamisten) gehen Frankreich und die USA vor. Sie kontrollieren ihrerseits die Grenzen. Algerien wird von der EU dazu angehalten, seine südlichen Grenzen zu sichern, um Migration in die EU zu unterbinden. „Das hat dazu geführt, dass nun auch ‚normale‘ Grenzüberschreitungen der Tuareg hochgradig kriminalisiert werden“, so Kohl. Und Grenzüberschreitungen sind für die Tuareg Normalität: „Es gibt in Niger keine einzige Tuareg-Familie, die keinen Angehörigen in Libyen oder Algerien hat.“

Tuareg als Chauffeure für Migranten

Tuareg-lkw-web„Mir ist wichtig zu zeigen, dass die Sahara eine eigenständige Region ist“, sagt die Sozialanthropologin. Denn diese falle in der Wissenschaft durch alle Raster: Middle Eastern Studies nehmen zwar den Maghreb mit, aber nur bis zum Beginn der Sahara. Die Afrikanistik beschäftigt sich erst mit dem Gebiet südlich der Sahara. „Es ist aber nicht nur eine Region, die eine Barriere darstellt und die man überbrücken muss, es ist eine zentrale Region mit innersaharischen Strukturen“, so Kohl. Durch die Mischung von saharischen, maghrebinischen und sahelischen Strukturen seien neue Phänomene entstanden, die an den Tuareg sichtbar würden: „In transnationalen Handelsstrukturen mischt sich der Kleinhandel mit dem Schmuggel. Es betrifft auch das Verkehrswesen: Wie sie die Sahara durchqueren, ist einzigartig in der Region“, sagt Kohl. Über ihre Trassen kämen viele Migranten nach Europa. „Die Tuareg sind die Chauffeure, die sie nach Algerien und Libyen bringen.“
Das FWF-Projekt „Sahara Connected“ betreibt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann. „Wir wollen untersuchen, wie sich geopolitische Veränderungen – der Krieg in Libyen und Mali – auf den transsaharischen Verkehr auswirken: mit neuen Akteuren wie dem Volk der Tubu aus dem Osten Libyens, die von Gaddafi vernachlässigt wurden und nun stark geworden sind, mit neuen Waren sowie mit neuen Strecken.“

Re-Kolonialisierung und Neo-Imperialismus in der Sahara. Der Kampf um Ressourcen und Macht

Auszug aus Artikel von Ines Kohl in INAMO, Informationsprojekt Vorderer Orient, Nr. 72, 12 – 16

Jahrzehntelang wurde die Sahara als eine unprofitable Barriere zwischen Maghreb und Sahel verstanden, neuerdings steht sie im Brennpunkt der EU-Politik als Schleuse für Subsaharische MigrantInnen auf dem Weg in nach Europa. Vielmehr punktet die Sahara jedoch für enorme Ressourcen an Phosphaten, Öl, Gas und Uran. Ihre Exploration hat einen neuen kolonialen Wettlauf eingeläutet, in dem ökonomische und politisch-militärische Interessen verschmelzen.

Fluch oder Segen: Uran in Niger

Alhassan, ein Tuareg-Schmied aus der nordnigrischen Stadt Arlit, der jeden Sommer nach Frankreich kommt um Tuaregschmuck und Kunsthandwerk zu verkaufen, erklärt zynisch: „Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, dann sage ich, ʻAuch ich bin Franzose!ʼ Und wenn die Leute dann verwundert schauen, dann sage ich ʻEuer Strom kommt aus dem Niger! Areva exploriert jedes Jahr mehr, und uns, den Tuareg, bleibt nichts. Da will ich zumindest französischer Staatsbürger sein!ʼ“
Der Energiehunger Frankreichs wird zu 40-70% mit Uran aus dem Nigers getilgt. In der nordnigrischen Stadt Arlit werden hier seit den frühen 1970er Jahren zwei Minen betrieben: Die in Tagbau betriebene Mine Somaïr und einige Kilometer entfernt Cominak (Akokan), mit einem Abbau unter Tag. Der französische Kernenergie-Konzern Areva ist zum größten Teil in Besitz des französischen Staates und der Weltmarktführer in der Nukleartechnik. Auf seiner homepage wirbt Areva mit sustainable development und seiner Verantwortung in Bezug auf the world’s energy issues. Weder nachhaltig noch verantwortlich zeigt sich der globale Riese den Menschen und der Umwelt gegenüber in Nord-Niger.
Tuareg-Frauenines-webGreenpeace konnte beweisen, dass bei der Urangewinnung nicht nur die Gesundheit der Minenarbeiter gefährdet ist, sondern dass auch das gesamte Umfeld der Mine bis zu 500-fach über dem Normalwert radioaktiv verstrahlt ist. Kontaminierter Schrott aus der Mine wird auf dem lokalen Markt verkauft, Sand in den Höfen der Häuser ist hoch verstrahlt, das Wasser, mit dem der Uranstaub gebunden wird, geht ungefiltert zurück ins Grundwasser, und Altmetall aus der Mine wird in Form von Kochtöpfen wiederverwertet. Areva streitet jegliche Gesundheitsgefährdung ab.
Die lokale Bevölkerung ist sich der Gefährlichkeit der Mine nicht bewusst, zudem fehlen Bildung und zivilgesellschaftliches Engagement, um sich dagegen zu wehren. Niger ist der zweitärmste Staat der Welt, rund 80% der Erwachsenen sind Analphabetinnen und ein Großteil der Bevölkerung lebt von Almosengaben und internationalen Hilfslieferungen. Die rund um Arlit lebenden Tuareg können durch klimatische Veränderungen kaum noch Viehzucht betreiben. Die einst wohlhabenden Nomaden sind zu einer verarmten und von der Regierung vergessenen Bevölkerungsgruppe geworden. In den Minen finden sie keine Arbeit weil sie keine Qualifikationen haben, sodass dort fast ausschließlich Hausa aus dem Süden und Afrikaner aus den Nachbarstaaten arbeiten.

Letzter Ausweg Rebellion

Das soziale Ungleichgewicht der Region führte bereits zu zwei Tuareg-Rebellionen im Niger: eine in den 1990ern und eine weitere von 2007 bis 2009. Beide Male zählten Teilhabe am wirtschaftlichen Gewinn des Uranabbaus und ein Ausbau sozialer Einrichtungen zu den Forderungen der Rebellen. Die erste Rebellion endete in leeren Versprechungen. Während der Zweiten wurde von Mu´ammar al-Qaddafi ein Friedensplan ausgehandelt, der den Tuareg ökonomische und politische Partizipation versprach und die Rebellenführer gut ausbezahlte, sodass sie ihre Forderungen vergaßen. Die politische Teilhabe sieht seitdem so aus, dass alle Rebellenchefs als Berater der Minister eingesetzt wurden, um sie ruhig zustellen.
Doch weitere Rebellionen drohen, sollten die Anliegen der Tuareg nicht erst genommen werden, wie aktuelle Entwicklungen in Mali zeigen. Hier begnügen sich die Tuareg nicht mehr mit dem Ruf nach Dezentralisierung, sondern fordern die Unabhängigkeit ihrer Region Azawad.

Libyens Öl rechtfertigt Krieg

In Zeiten von Neoliberalismus, übersteigertem Kapitalismus und knapp werdenden förderbaren Ressourcen geht es nicht mehr ausschließlich um deren ökonomische Nutzung, sondern es geht vielmehr um eine militärische Sicherung dieser Rohstoffe. Kriege sind dabei sehr hilfreich.
Tuareg-ghat-webIn Libyen meldeten jene Staaten, die am Nato-Angriff beteiligt waren, schnell ihre Ansprüche an den zukünftigen Geschäften an. Ganz zufällig waren das jene Länder, die unter al-Qaddafi kein großes Stück vom Ölkuchen oder anderen profitablen Geschäften abbekommen haben. Für die USA beginnt damit auch ein ganz neues Kapitel in der Militarisierung Afrikas. Beginnend mit der Revolution von 1969 warf Mu´ammar al-Qaddafi alle ausländischen Interessenten, die sich bis dato mit der Monarchie die Reichtümer aufgeteilt hatten, aus dem Land, vereinbarte neue Verträge mit Konzernen in denen Libyen stets mindestens 51% Anteile behielten, und ein gewisser Prozentsatz an Libyern in Unternehmen eingestellt werden mussten. Zudem schloss Libyen den amerikanischen Militärstützpunkt Wheelus Air Base, an dem die USA seit 1945 mit rund 14.000 Soldaten stationiert war. Ein Ereignis, dass in den Mainstream-Medien keine Erwähnung fand. Was auch keine Erwähnung fand ist die Tatsache, dass al-Qaddafis Afrikapolitik sich um die Einheit und Unabhängigkeit Afrikas bemühte und damit versuchte den Kontinent aus der Abhängigkeit von Weltbank, Internationalem Währungsfond, USA und Europa zu lösen. Libysches Kapital ermöglichte den ersten afrikanischen Telekommunikationssatelliten, nachdem sich 45 Staaten seit 1992 vergeblich darum bemühten eine Finanzierung vom Internationalen Währungsfond zu bekommen um sich von den Gebühren europäischer und amerikanischer Firmen zu befreien. Al-Qaddafi förderte den Aufbau dreier unabhängiger Finanzinstitute, die Afrikanische Investmentbank, den afrikanischen Währungsfond und die Afrikanische Zentralbank, um sich der Kontrolle von Weltbank und Internationalem Währungsfond entziehen zu können, die als Instrumente der neokolonialen Herrschaft dienen.

Inszenierter Terror

Die neokoloniale imperiale Herrschaft Afrikas braucht auch eine militärische Basis. Diese wurde von George Bush initiiert und ist als „Kampf gegen den Terror“ bekannt geworden. Die US-Sicherheitspolitik engagiert sich seit 2003/2004 aktiv in der Sahara und gründete 2008 AFRICOM, das Oberkommando der US-amerikanischen Militäroperationen mit dem Ziel von Sicherheitsberatung- und Trainings lokaler Militärs oder wie im Fall der Sahara, um den Terrorismus zu unterbinden.
Ursprünglich gab es in der Sahara keinerlei terroristischen Aktivitäten. Um diesen äußerst unpassenden Zustand zu ändern und die geplante Militarisierung zu rechtfertigen, inszenierten die USA mit der Hilfe von Algerien Terrorismus in der Sahara und führten damit zu einer eskalierenden Phase der Destabilisierung und Unsicherheit in der gesamten Region.
Die Anschläge von 9/11 ließen in den USA Handlungsbedarf entstehen. George Bush brandmarkte die Sahara und den Sahel als eine potentielle Zone des Terrors, die als Rückzugsgebiet und Ausbildungscamp für Al-Qaeda Kämpfer diene. Um dieses Gerücht zu erhärten inszenierten algerische und amerikanische Geheimdienste seit 2003 Entführungen von 23 europäischen TouristInnen, die von der GSPC (Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat) die sich später in AQMI (Al-Qaeda du Maghreb Islamique) umbenannte, begangen wurden. Daraufhin konnten die USA offiziell mit der Unterstützung lokaler Regierungen den angeblichen Terrorismus bekämpfen. Der „terroristische Gürtel“, von Jeremy Keenan (2007) sarkastisch als „banana theory of terrorism“ bezeichnet, ziehe sich von Mauretanien, über Mali, Niger, Tschad, Sudan, bis nach Somalia, und geht weiter über Irak, Iran, Pakistan bis nach Afghanistan, so die USA.
Dabei ließen sich US-Amerikanische und algerische Interessen gut vereinen. Die USA benötigten eine ideologische Basis für die Militarisierung Afrikas um sich die Kontrolle der Ressourcen zu sichern, und im Wettlauf gegen europäische und chinesische Konkurrenten gewinnen zu können. Algerien benötigte militärische Unterstützung um seine politischen hegemonialen Ziele in Westafrika zu erreichen und sich gegen al-Qaddafis Libyen behaupten zu können. Die USA wiederum brauchten einen Verbündeten in Afrika und fanden in Algerien einen geostrategisch prädestinierten Partner.

Spielpatz Sahara

Durch die Destabilisierung der saharischen Staaten wurde einer ganzen Generation von jungen Tuareg die Lebensbasis entzogen. Der Anfang des Jahrtausends florierende Wüstentourismus brach zusammen, Grenzüberschreitungen wurden zunehmend schwieriger, und Strategien von lokalem transnationalem Handel und Schmuggel wurden hochgradig kriminalisiert. Der lokale Schmuggel zwischen Algerien, Niger, Mali und Libyen von Lebensmitteln, Kamelen, Benzin und Diesel und neuerdings Kartoffelsamen und Eiern untergräbt jedoch nicht die nationalen Wirtschaften, sondern im Gegenteil, bessert das das lokale Warenangebot auf, zudem die korrupten Regierungen nicht fähig sind. Von staatlicher Seite wird dieser translokale Verkehr mittlerweile auf die gleiche Stufe gestellt wie die mafiös operierenden Waffen- und Drogenschmuggler und massiv eingeschränkt.
Während die Lokalbevölkerung nach Auswegstrategien aus ihrer ökonomisch und sozialen kritischen Lage sucht, und sich zudem mit den ändernden klimatischen Bedingungen, die zwischen extremer Dürre und Hochwasser schwanken, arrangieren muss, pokern globale player mit hohem Einsatz und ziehen die politisch Einflussreichen an den Fäden ihrer gut positionierten Marionetten.

Ergebnis des Neoimperialismus: Unsicherheit, Chaos und Destabilisierung

Was die neokolonialen und imperialen Kämpfe um Ressourcen letztendlich für die Sahara und den angrenzenden Sahel bis jetzt gebracht haben sind Unsicherheit, Chaos und zunehmende Destabilisierung. Den Akteuren im neokolonialen Spiel geht es nicht um Demokratisierung, Friedenssicherung oder um humanitäre Hilfsoperationen, wie vordergründig erklärt. Ihre Interessen sind die Sicherung der Rohstoffzufuhr und die Erhaltung und/oder Ausdehnung ihrer Macht. Solange unsere Welt von kapitalistischer Macht angetrieben, von multinationalen Konzernen ausgebeutet, und von Marionetten in der Politik beherrscht wird, solange wird die Sahara ein Spielplatz des Neokolonialismus bleiben.

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Fotolegende (v.o.n.u.): 1. Die SchülerInnen und ihre Lehrer warten auf das Frühstück (März 2013), 2. Akidima Effad und Ines Kohl, 3.Engelbert und Monika Kohl in der Sahara, 4. Akidima Effad mit einer Schulklasse (März 2013), 5. Karte, 6. Frauengruppe TEDHILT aus Agadez, 7./8. Bildtext im Absatz, 9. Tuareg-Paar, 10. Typisches Zeltlager der Tuareg, 11. Die Tuareg begannen einen transnationalen Handlungsraum in der zentralen Sahara aufzubauen, in dem sich Handel, Schmuggel und Migration miteinander vermischten. Aufgebaut wurde dieses trans-sahararische Transportsystem als eine ökonomische Nische um den verarmten Norden von Niger (und auch von Mali) mit dem Lebensnotwendigsten zu versorgen. 12. Ines Kohl (vorne) mit Tuareg-Frauen, 13. In der älteren Literatur werden die Tuareg gern als die NomadInnen der Sahara dargestellt. Auch wenn ein Großteil der Tuareg von einer nomadischen pastoralen (Ziegen, Kamele) Wirtschaftweise lebte, so gab und gibt es eine sesshafte Dimension. Viele Orte und Oasen in der Sahara sind von Tuareg gegründet worden: Ghat (siehe Foto), Djanet, Timia, Assode. Und heute stellt vor allem im Nord-Niger die sesshafte Gartenwirtschaft einen wichtigen Teil der Wirtschaft dar. 13. Die Klasse 4a der Musikmittelschule Gratwein unterstützt die Schule von Intadeynawen. 14. Mit dem Verkauf von Tuareg-Schmuck und Handwerk finanziert der Verein IMARAN teilweise den Schulbetrieb. Alle Fotos Copyright Ines Kohl und Akidima Effad


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